Zu den „Gen Z“-Protesten, „Blocus“ usw.

Einen klaren Kipppunkt, ab welchem diese Bewegung begonnen hat, mehr und mehr einsame Wut, Frust und Verzweiflung in der jungen Bevölkerung zum Ausdruck zu verhelfen, zusammenzuführen, auf sich zu kanalisieren, um eine kollektive Masse zu bilden, lässt sich kaum ausmachen. Irgendwann waren sie nicht nur ein Blasenphänomen, irgendwann waren die Proteste da und lösten sich aus dem diffusen, wabernden Ozean der Unterhaltungs- und Nachrichtenwelt, in die wir alle eingebettet und gefangen sind. Die vielen unvergleichbaren Formen der Verzweiflung – um die Bildung, um die Wehrpflicht, um die Wohnung erkannten auch erst nach und nach einander als verwandte und Ausdrücke desselben inneren Grundgefühls, dass immer gewaltiger wird und immer mehr Menschen mobilisiert. Die ersten Proteste, die einen tiefen Eindruck auf Frankreich und dann irgendwann die Welt machten, waren am Ende des Septembers 2026, wenn auch die Schulblockaden selbst viel früher angefangen haben. Der Höhepunkt war bisher der 17. Oktober.

Nun sind sie zu einer europaweiten Bewegung angewachsen, die alles ergreift, von den großen Zentren in Paris, Madrid, Berlin, Barcelona bis in die mittelgroßen Städte Lyon, Frankfurt, etc. Sie wird immer größer und gleichzeitig radikaler. Sie beginnt, zu den Sternen zu greifen und wird in ihren Taktiken und Strategien überlegter zu werden. In den Moment aber, wo sie immer mehr in Gewalt gegen Polizisten, in Brandstiftungen, Zerstörungen von Autos und dann auch tausendfacher Plünderungen umschlug, wie es in Frankreich am berücksichtigen 17. Oktober geschah, setzte sich auch zunehmend ein erheblicher Gegenwind in Gang, ein europaweiter, bürgerlicher Gegenwind, welcher den politischen Charakter dieser Bewegung zunehmend in Zweifel zog, von Vandalen, Extremisten, Dieben und Chaoten spricht und immer drakonischere Strafen und Maßnahmen einsetzen will, die in Frankreich gar bis an die Grenze eines faktischen Demonstrationsverbotes reichen. Mit diesen Leuten, die offenbar Gesetze und das staatliche Gewaltmonopol nicht anerkennen, ist keine Politik zu machen, sondern nur selbst erhebliche Gewalt anzuwenden. Die Jugend, das Prekariat, die Migranten in den Vorstädten sollen gewissermaßen als „Kollektivstrafte“ nachhaltig wehrlos gemacht werden. Zwischen den „berechtigten Forderungen“ einerseits und den „extremistischen“ und „gewaltsamen“ „unpolitischen“ Kräften andererseits wird zuerst getrennt, dann der autoritäre Staat als Antwort für alle bemüht. Die in der rechtsextremen Welt üblichen, meist völlig grundlosen Anschuldigungen gegen die Migranten, hauptsächlich für die Aufstände verantwortlich zu sein, treten hinzu; sie sind nur eine weitere Steigerung derselben sich überschlagenden bürgerlichen Paranoia, die man bis in die „Mitte“ der politischen Parteien von Macron, Merz, CDU, SPD, Grünen antrifft. Diese „Urban Legends“ der Rechtextremen sind en Detail eigentlich nicht der Rede wert, sehr wohl macht es aber Sinn, sich mit der bürgerlichen Paranoia der „mittigen“ politischen Parteien zu befassen, dem Lager von Macron, Merz und Ähnlichen, jenem Mix aus autoritären Maßnahmen, Spaltungen und destruktiver Verunglimpfung, die von diesen etablierten Eliten herrührt.

Diese „mittige“ Vorstellungswelt, die nicht ablässt, über die jungen Menschen, das Prekariat, die Migranten zu reden, sich dazu auserkoren sieht zu urteilen, besteht sicherlich aus vielen voneinander lösbaren und teilweise widersprüchlichen Elementen, charakteristisch ist aber gerade diejenige, mit der sie sich von ihrem Gegenstand am deutlichsten trennen will, nämlich in der Behauptung der „unpolitischen“ Natur der zerstörenden und plündernden Protestler, die irgendwann am Abend zwischen den friedlichen Demonstranten hervorbrechen sollen und die friedlichen Protestierenden angeblich ausnützen. Für diese „mittige“ Vorstellungswelt liegt hierin ein tiefer Bruch, der berechtigte Gesprächspartner von solchen trennt, die eingesperrt und bestraft gehören. Gleichzeitig führen ihre Maßnahmen – wie etwa die Loi Casseurs-Payeurs dazu, gerade die „berechtigten Forderungen“ und die Möglichkeit ihrer demokratischen Äußerung auf der Straße wegen den „bösen Demonstranten“ mit zu torpedieren bis unmöglich zu machen. Dieses widersprüchliche Verhalten hat durchaus einen Sinn, diesen nämlich, dass es vor dem eigenen demokratischen Gewissen eigentlich nicht möglich ist, die Forderungen der protestierenden Menschen als solche zu verurteilen, für welche die Eliten, das heißt die Träger der „mittigen“ Vorstellungswelt, klar verantwortlich sind. Niemand kann bestreiten, dass Macron und Merz für die Sparmaßnahmen, die Wehrpflicht, die Zerstörung des Gesundheitssystems verantwortlich sind und dass die Klage dagegen außerordentlich berechtigt und politisch ist. So werden dann die „ins Unpolitische“ umschlagenden Plünderungen und Brandstiftungen zur perfekten Ausrede, sich der Verantwortung zu entziehen. Dahinter liegt keine bewusste Strategie, sehr wohl aber eine vorbewusste Aufmerksamkeitsverschiebung. Je fixierter die Aufmerksamkeit der bürgerlichen Öffentlichkeit auf die angeblich unpolitischen Protestler ist, desto mehr kann sie sich ihrer eigenen Verantwortung entziehen.

Gerade hier in der Annahme dieses Bruchs zwischen Politischem und Unpolitischen ist also durchaus eine Kritik sinnvoll, ja notwendig. Sind diese Plünderungen und Zerstörungen wirklich so unpolitisch, wie es das Gerede des mittigen Lagers gern hätte? Ist nicht gerade da, mit diesen Leuten, die das Gewaltmonopol und die Gesetzgebung missachten eine politische Lösung zu suchen, das heißt eine Gemeinschaft und Staat?

Um zu verstehen, um was es geht, bedarf es aber zunächst einer Kontextualisierung. Was finden wir aber in diesen Bewegungen vor?

  1. Es ist eine Bewegung, die von den Schülern ausgeht, und zu immer neuen Bündnissen mit Arbeitern und Gelbwesten, und den Studenten ausgreift, dann die weißen und migrantischen Schichten der Vorstädte unter einen Hut bringt, die Gewerkschaften und die linken Parteien mitreißt. So umfasst sie in Frankreich bald Anteile von allen unterdrückten Gruppen, und wird der Tendenz nach dasselbe in anderen europäischen Städten finden.
  2. Ihnen schlägt ein gewaltiges Maß an polizeilicher und politischer Repression entgegen. Insbesondere in Frankreich scheint es der Polizei nicht darum zu gehen, zu deeskalieren, sondern im Voraus auch unschuldige Demonstranten zu attackieren und ihre Verletzung mutwillig in Kauf zu nehmen. Auch im übrigen Europa ist es offenbar ausgemacht, dass gegen Schüler Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt werden müssen.
  3. Es ist ganz klar eine europaweite Bewegung, sie wird immer stärker und ergreift auch die Peripherie. Man könnte sogar sagen, dass die über Europa hinausgeht, wenn auch in Tunesien die Proteste um sich greifen. Die Bewegung hat eine Tendenz dazu, in die Größe der Arabellion umschlagen zu können. Sie kann wie die Arabellion zum Fiasko werden, sie kann aber auch die politische Ordnung Europas nachhaltig verändern.
  4. Es ist nicht nur eine gemeinsame Verzweiflung und Wut, die sich hier äußert, sondern auch eine gemeinsame Ursache. Diese Ursache ist der Versuch der reichen und mächtigen Eliten, die Kosten für die Schäden und die Transformation in der ökologischen Krise auf alle abzuwälzen, statt die Verantwortlichen für die Krise zahlen zu lassen. Der Sozialstaat, das Gesundheitssystem, das Bildungssystem wird eher zerstört, statt VW, Total, Airbus, etc. für die Schäden und den Umbau zahlen zu lassen. Die demokratischen und autoritären Staaten sind sich global einig, dass sie die Verantwortlichen weder bestrafen noch ihr Vermögen angreifen, sondern zunehmend Bollwerke der Verteidigung ihrer Vermögen werden. Das gute Leben wird immer knapper, weil die Zerstörung um sich greift. Der jungen Generation blüht eine zerstörte Erde, eine, in denen es ihnen viel schlechter gehen wird als ihren Eltern. Und nun müssen sie auch noch für die reichen Älteren aufkommen, die das zu verantworten haben. Ein Leben des Elends, der Plackerei, des Todes – ein Leben ohne Zukunft.
  5. Heute bestimmt sich der Grad am verschwindenden Komfort und Lebensglück, ja sogar Überleben daran, wie viel Anteil man an den Vermögen derjenigen hat, welche im Kapitalismus und in der fossilen Wirtschaft Gewinne eingefahren haben. Die breite Bevölkerung ist in unterschiedlichem Maße außen vor, muss in den zur ökologischen Zerstörung freigegebenen, häufig von Elend, Dürre und Bürgerkrieg versetzten Staaten im globalen Süden ausharren, oder, wo sich dasselbe Schema wiederholt, in den verarmten Vorstädten. Zunehmend höhere Mauern sollen gegen den aufziehenden Strom der Migranten schützen, die ein besseres Leben haben wollen. Diese Mauern bestehen an der europäischen Grenze, sie bestehen in Preisschranken für Grundstücke und fürs alltägliche Leben und sie bestehen in Bildungsstufen. Zentren wie London, Paris und Berlin schließen immer mehr Menschen aus, damit Privilegierte ungestört am schönen Leben im Inneren teilhaben können, das durch die ökologische Zerstörung immer knapper wird. Die Sparmaßnahmen bedeuten letztlich, dass mehr Menschen ausgeschlossen werden oder die Menschen „draußen“ noch ein schlechteres Leben haben. Sie bekommen weniger Bildung und Gesundheit, müssen höhere Mieten zahlen, werden zwangsgeräumt oder abgeschoben. Flexibilisierung des Arbeitsmarktes bedeutet, dass sie noch mehr und länger arbeiten müssen, vielleicht bis 80, und dann keine Chance haben, Fachärzte für psychische und physische Beschwerden zu bekommen.
  6. Der Sozialstaat kostet, und als weitere, offenbar davon unabhängige Schwierigkeit treten explodierende Zinsraten für Staatsanleihen dazu. Der Staat ist fast pleite, in Frankreich, aber auch im übrigen Europa gibt es offenbar für gar nichts mehr Geld. Was ist aber der wirkliche Grund dafür? Das Geld kommt von den Reichen, denjenZu den „Gen Z“-Protesten, „Blocus“igen, die Kredit geben können. Und sie haben immer weniger Kredit, wollen misstrauisch ihr Geld immer weniger hergeben und im Kollektiv arbeiten lassen. Das globale Kapital wettet gegen die europäischen, demokratischen Staaten und ihre Möglichkeit, als Staaten ihre wirtschaftlichen Ziele zu erreichen. Sie wetten nicht nur gegen den Staat, sondern auch dagegen, dass andere Kapitalisten ihnen Kredit geben. So entfaltet sich eine Kettenreaktion, eine Welle des Unglaubens gegen die demokratischen Staaten, ja im Grunde ist es eine Art generelle Vertrauenskrise und Umschlag in den Egoismus. Sie fahren auf Sicherheit, auf ihre Individualität und auf die Wahrung ihres Geldes; da sie selbst aber eh in Geld schwimmen, ist es auch kein Schaden für sie, wenn dadurch die Wirtschaft kollabiert und die Menschen in Arbeitslosigkeit und Elend verarmen. Das beweist eine elementare Wahrheit: Durch die Staatsanleihen beansprucht die besitzende Klasse unmittelbar Kontrolle über die Ausgaben der Staaten. Sie brauchen keine Parteien im Parlament, um mitzubestimmen. Aber sie haben auch dort welche: Merz und Macron verschreiben sich dieser Knechtschaft, die keineswegs alternativlos ist. Man müsste sich gekonnt gegen die Macht der Reichen durchsetzen. Man muss die Staaten stärken und ihre Vermögen ergreifen.
  7. Die imperialistischen Territorialkämpfe, die von Russland gegen die Ukraine geführt werden, sind letztlich auch eine Verteidigung der Macht des fossilen Kapitals, nämlich des russischen Fossil-Kapitals. Die russischen Angriffe gegen die Ukraine drücken nur unmittelbarer und brachialer das aus, was überall in Europa herrscht. Sie sind ein Vorreiter der aufziehenden imperialistischen Kämpfe weltweit, die ein Misstrauen und ein Gegeneinander auf höherer Ebene sind, wo Kooperation noch umso nötig wäre. Nicht nur Staaten zerfallen in misstrauische Kapitalisten, die ihr Geld behalten wollen, sondern auch die internationale Ordnung zerfällt in kriegerische Staaten, die keine Rechtsform oder gleiche Gemeinschaft mehr dulden. Die Weltmächt China, USA, Russland zerdrücken die kleineren Mächte wie die Ukraine nicht weniger, wie überall auf der Welt die Schwächeren von den lokalen reichen Eliten ausgeschlossen, ausgebeutet und zerquetscht werden. Das Opfer sind auch hier wieder die Armen und die Jugend, und zwar sowohl von Russland, der Ukraine und Europas im Ganzen.

Es zeigt sich so also zunächst, dass die Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum, nach Bildung, Gesundheit durchaus ein generelles, strukturell ähnliches und zusammenhängendes Problem treffen, ein tiefes Problem, welches die Jugend, die Arbeiter und das Prekariat Europas und der Welt trifft. Die besitzende Klasse ist weltweit auf dem Vormarsch, durch Individualismus und Misstrauen Staatlichkeit und Kooperation überhaupt zu attackieren und so ihre Übermacht deutlicher wie nie auszuspielen und in einen klaren Vorteil zu wenden. Das Wasser steht zum Hals, und jedes Jahr wundert man sich, wie einschneidend und drastisch die Kürzungen und Zerstörungen des Sozialstaats noch greifen können. Dass diese Forderungen nach einer Abbremsung von diesem Kurs irgendwie politisch sind, wird daher kaum bezweifelt. Man findet allerdings durchaus eine Tendenz dazu, die Sparmaßnahmen zu einer Art ökonomischen Notwendigkeit zu erklären, wie es bei Merz und Macron passiert. Wenn man so will, ist dies auch der Versuch, die Frage, wie viel der Staat für seine Bürger bereitstellt, zusammen mit den Demonstranten zu depolitisieren, im Sinne dessen, dass sie es zu einer ökonomischen Faktenfrage erheben, aber das sei dahingestellt. Das hauptsächliche Symptom, welches die Denkweise der politischen Mitte aufzeigt, ist ihr Hass auf die „Randalierer“, die „Casseurs“, die Plünderer, die angeblich aus dem wie auch immer eng gefassten Begriff dessen herausfallen, was ein sinnvoller Diskurs ist.

Und die Sache scheint für sie zu sprechen, denn was haben denn Bildungschancen, Wohnung, Gesundheit, Widerstand gegen die Wehrpflicht mit Luxushandtaschen und Supermärkten zu tun, die man überfällt? Was hat das mit den Steinen zu tun, die auf Polizisten geworfen werden? Mit den verbrannten Autos? Auf den ersten Blick sehr wenig bis gar nichts. In einem Fall geht es um die Veränderung der Gesetze, wie das Staatsbudget verteilt wird, um Demonstrationen im Rahmen der durch die Verfassung garantierten Versammlungsrechte, im anderen Fall um eigenmächtige verbrecherische Handlungen, die eigenen Taschen zu füllen. Gerne zerteilt die Presse dann auch die Masse der Unzufriedenen in die „politischen“ Schüler und Studenten einerseits, die dann gerne als weiß gezeichnet werden, und die diffusen, unpolitischen jungen Wilden der Vorstädte, die randalieren und stehlen, an die gerne dann die Rechtextremen ihren Mythos vom „großen Austausch“ anheften. Was im Angesicht dessen, wie die weißen, westlichen Nationen die Welt zerstören, tatsächlich wünschenswert wäre, also eigentlich keine Lüge, sondern ein Märchen.

Was aber ist überhaupt dieses „Politische“, das so sparsam an weiße Menschen verteilt wird? Geht es denn nicht sowohl bei den Bildungschancen, dem Gesundheitssystem, den Handtaschen, der Schmike, den Modeklamotten und den schicken Autos nicht um ein und dasselbe, nämlich einen Anteil am „guten Leben“, das da eingefordert wird? Eine Erlösung aus dem Elend und der Misere, in das die reichen und privilegierten Menschen abgeschoben werden? Ein Glück, dass immer sparsamer und knapper wird, je höher die Wellen der ökologischen Zerstörung an die Brandung der belebbaren Welt schlagen? Es sind die Mittel, die anders sind, und die ein Kontinuum von friedlichen Demos, illegalen und friedlichen Demos bilden, zuletzt von ziviler Ungehorsam, Entwendung von Müll, dann Sachbeschädigungen und schließlich deutlicher Gewalt gegen Dinge und schließlich Vollzugsbeamte reichen. Dieses Kontinuum wird sowohl durch den Rechtsstaat wie auch im richtigen politischen Bewusstsein zerteilt, und das nicht ohne Grund. Es zeigt Grade der Bereitschaft an, mit den gegebenen Gesetzen der Welt, das heißt den Mauern zu brechen; damit aber auch Grade der Verzweiflung und Wut, Grade des Entfremdetseins, dass die verschiedenen leidenden Menschen von der Welt der Reichen und Mächtigen empfinden. Es sind Grade davon, wie wenig Zukunft sie für sich und ihre Freunde und Familie sehen. Und die, die keinerlei Zukunft sehen, sind am unfreiesten und freiesten zugleich, haben sie doch nur ihre Ketten zu verlieren. Sie und ihre Mittel zeigen „das Politische“, wenn es um die Frage nach der Gemeinschaft geht, erst eigentlich auf. Sie sind unheimlich und anrührend zugleich, weil sie als junge Menschen die Zukunft darstellen und doch keine sehen. Ihnen wurden diese Dinge, die sie in ihren Träumen und von ihren Eltern kannten, verwehrt, und sie wollen sie wieder haben. Die Menschen in den Vorstädten, egal ob weißer ureingesessener Arbeiter oder schwarzer Migrantenarbeiter und die Menschen vor den Mauern Europas, die eine ähnliche relative Armut erfahren, spüren diese Verzweiflung in sich, und je mehr sie dies kommunizieren, desto deutlicher wird das Bedürfnis emporkochen, sich das einfach zu nehmen, was einem vorenthalten wurde. Die heutigen Eliten sind durch ihre Sparmaßnahmen gegen diese verarmte Bevölkerung verantwortlich, und daher sowohl für die friedlichen wie für die plündernden Proteste und den Volkszorn im Ganzen.

Das um was es in der Sozialpolitik geht, ist zuletzt dasselbe, was die Menschen in den Luxusläden finden werden, nämlich einen Anteil am Wohlstand der Gesellschaft, der allen zusteht, das heißt die Befriedigung natürlicher Bedürfnisse. Dafür muss man nicht Marxist sein, schon Babeuf hat das gewusst. Es ist immer das gleiche, die ganze Geschichte hinweg, und das vielleicht bis in die Steinzeit hinein. Als soziales Tier spüren wir instinktiv, wie sehr andere Menschen diese körperlichen Bedürfnisse die wir selbst haben befriedigen können, und empfinden Mitleid und Neid. Alle empfinden Neid auf die mit einem besseren Leben, wie etwa die Menschen in den Vorstädten von Paris gegen die, die reich genug sind, in der Stadt zu leben. Neid und Mitleid ist die Basis des Sozialen. Daher speisen sich auch die Plünderung und das Sozialgesetz aus demselben emotionalen Impuls heraus, dem Mitleid und dem Neid, der durch das Vergleichen mit den anderen die „da oben“ sind erwächst, und welches weder unmoralisch noch moralisch ist, sondern schlichtweg menschlich und die Grundlage des Politischen überhaupt ist. Allein in der Gleichheit zwischen den Bürgern und Staaten finden all diese Bedürfnisse ihre Ruhe und Befriedigung. Partiell findet sich in jeder Gesetzgebung der Versuch vor, eine Gleichheit zu finden. Das Gesetz steht Mitleid und Neid nicht entgegen, sondern ist Ausdruck des Versuchs, dies zu unterbinden. Und daran scheitert das bestehende politische Gesetz über Europa, das weder gleich noch gerecht ist. Hinter dem anscheinenden Gesetz von Merz und Macron tarnt sich eine Verbrecherbande, das korrupte Eigeninteresse ein paar Weniger. Jedes Kind sieht es, und manchmal braucht es eben Kinder, um das Offensichtliche zu erkennen, dem Ausdruck zu verleihen. Des Kaisers neue Kleider. Unpolitisch sind in Wahrheit Merz und Macron und die ganze politische „Mitte“, die doch immer nur der Propagandaausdruck für die besitzende Klasse ist. Die bequeme Umkehrung dieser Tatsache blicken sie in den „randalierenden“ letzten Anwendenden der Demonstrationen an, die angeblich „unpolitisch“ sind. Immerhin begreifen sie indirekt, dass sie wirklich nicht im selben Boot schwimmen, sie haben diese jungen Leute schon vor langer Zeit aus ihm herausgeworfen.

So fällt dann auf, dass „das Politische“, zurückgeführt auf seine eigentlichen Ursprünge, eine Art Kette bildet, anfangend bei den 1. körperlichen Bedürfnissen, 2. Zu den grundlegenden sozialen Gefühlen Mitleid und Neid 3. Zu den Gesetzen, welche beides verhindern sollen. Daher ist das körperliche Bedürfnis, nach schnellen Autos, Luxushandtaschen, Essen, Computerspielen, Spirituosen, Süßigkeiten, die aus den Läden geraubt worden sind, auch nicht dem Politischen entgegen, sondern der eigentliche Anlass und das, worum es am Ende in der Politik einzig und allein geht. Jeder Versuch, mit dem moralischen Zeigefinger diese körperlichen Bedürfnisse zu verurteilen, zeugt nur von der Artverwandtschaft von Moral und Nihilismus. Wir leben nicht auf der Welt, um zu leiden, sondern um sie zu genießen. Es gibt keinen Himmel, und wir dürfen und sollen das Leben auskosten. Und es ist ein himmelschreiendes Verbrechen, dass nur eine kleine Minderheit all das haben soll und die anderen leer ausgehen, dass die großen Hauptstädte für langjährige Anwohner wie für Zugezogene immer unbezahlbarer werden, ja wie Paris ein Disneyland für Touristen und reiche Franzosen werden. Der Himmel und die Moral, die uns das eigene Leid und das fremde Glück akzeptieren lässt, ist eine Erfindung, um einen falschen Frieden zu stiften, Mitleid, Neid und Gerechtigkeit führen in die Wirklichkeit zurück.

Und so der Vergleich hier gezogen ist, fällt zuletzt auch auf, dass es doch einige sehr entscheidenden Unterschiede zwischen den Sozialgesetzen hie, und den Plünderungen da gibt. Der Bruch mit der gegebenen Ordnung, der in unterschiedlichem Maße erfolgen kann, ist ein sehr entscheidender Aspekt, der den Protesten, die in Frankreich ausgebrochen sind, eine ganz entscheidende Note verleiht, und dem Vorwurf des „Unpolitischen“ gegen die Randalierer und Plünderer ganz besonders ambivalent wirken lässt. Sie handeln sind keineswegs blind oder aus reinem Eigeninteresse heraus. Sie vergleichen und handeln aus berechtigtem Neid und Mitleid heraus. Die Aufstände richten sich fast impulsiv vor allem gegen die Kräfte, welche die ungerechte Ordnung aufrechterhalten, also die Polizei, und die Läden und Schaufenster, welch die Reichtümer von den Massen fernhalten. Andererseits bleibt es dabei. Die Massen kennen weder Gesetzgebung noch Gericht noch Exekutive, sondern nur das Recht des momentanen Gefühls, Ungerechtigkeit erlitten zu haben. Die Überschreitung der Gesetze geht aus einem Gerechtigkeits-Gefühl hervor, und kanalisiert sich aus eben jener verzweifelten Zukunftslosigkeit heraus, in dem diese jungen Leute stehen. Sie stehen mit dieser zukunftslosen Affekthandlung gegen eine bestehende, faulende Ordnung an, worin all diese Dinge funktional bestehen, die Gleichheit aber nicht eingelöst wird.  Wenn sich in den Aufständen aus den körperlichen Bedürfnissen, dem berechtigten Neid auf die reichen Privilegierten im Zentrum von Paris eine Art von Wunsch nach Gerechtigkeit manifestiert, in dem sie Polizisten angreifen und Läden ausplündern, so ist das eines, welches weder eine Gewaltenteilung kennt noch als Staat existiert. Es sind Ausraster, Entgleisungen einer jahrelang unterdrückten Bevölkerung und Jugend, die sich nicht zu einer gemeinsamen Vision zusammenfügen, wie der Staat überhaupt sein soll. Die „friedlichen“ Demonstranten dagegen formulieren zwar durchaus Forderungen aus, aber so, dass sie noch in der Sprache und den Regeln des Staates geschrieben sind, welcher ihnen diese Gerechtigkeit systematisch vorenthält und vorenthalten wird. Darin ist zuletzt greifbar, dass ihnen beiden gemein ist, dass eine rechtsstaatliche Ordnung nur als eine solche bewusst ist, wie sie gerade verwirklicht ist, das heißt in diesen großen europäischen Nationalstaaten und ihrer unterdrückerischen Sparpolitik vorliegt. Den Bruch mit dieser Ordnung zeigen sie, die verzweifelt und realistisch wie sie sind, überhaupt keine Zukunft mehr sehen, darin sehr deutlich an, es ist gerade das Ehrfurcht und Schauer erweckende, das Energetisierende daran. Man spürte dies auch in den fernen Zeitaltern, in denen die auch bestehende Ordnung einst mal erwachsen ist. Wie eine verbotene Frucht wird es ausgekostet, dass die Grenze der bestehenden falschen Ordnung verletzt werden. Wenn wie ein Lauffeuer in Europa die jungen Menschen dieses Grundgefühl in eine aufständische Gesinnung umwandeln, so auch die Verwerfung der bestehenden ungerechten Ordnung, die sie tragen; und der Ansatz einer neuen, die aus verwehrten körperlichen Bedürfnissen, Neid und Mitleid heraus auf eine andere Welt hinausdeutet.

Egal ob es der zunehmende Druck ist, auch wirklich zu gewinnen, oder auch die, eine konkrete Zukunft zu zeichnen, werden sich die Demonstranten der Notwendigkeit zur Organisation und Koordination zuwenden müssen. Sie werden die Frage aufwerfen müssen, was die Ursache all dieses Elends eigentlich ist. Sie werden in die Geschichte blicken und sehen, wie viele dieser Versuche schon gescheitert sind. Anstatt willkürlich Polizisten anzugreifen, braucht es ein Gericht über die wirklichen Täter und Verbrecher, die sie sicher nicht sind. Anstatt Läden auszuplündern, unschuldige Verkäufer zu treffen, braucht es Steuern und massive Enteignungen gegen Ultrareiche und einen echten Sozialstaat, der jedem kostenlos Wohnung, Transport, Essen, Gesundheit, Bildung, einen Anteil am guten Leben gibt. Die körperlichen Bedürfnisse, dieses Tierische in uns weist uns wirklich in die Zukunft. Diese Jugend kannte bisher keine Zukunft, in Niemand anderem aber außer in denen, die so realistisch sind liegt mehr die Anlage dazu, sich eine solche auszumalen und dann der übrigen Bevölkerung zu lehren, wohin es geht. Weil die Zukunft, welche die anderen wähnen eine falsche ist so wird bei denen, die realistisch wie sie sind, überhaupt keine mehr sehen, der Keim einer echten gemeinsamen Zukunft hervorgehen, welche all diese Interessen nach einem guten Leben auf der Erde zusammenschnürt. Das bloße Plündern und Attackieren von Polizisten wird zwar den Bruch mit der Besitz-Ordnung und dem Gewaltmonopol anzeigen, ja vielleicht in ganz Europa populär machen, jedoch an der generellen Situation überhaupt nichts ändern, aber schwingt sie sich dazu empor, wirklich zu den Sternen zu greifen, wird sie in Streik und zivilem Ungehorsam das Mittel der Wahl finden. Einzig ein Generalstreik wird diese Mächte wirklich in die Knie zwingen.

Wer die Plünderer nicht nachvollziehen kann, hat kein Herz, welcher ihre Handlungen für langfristig zielführend hält, keinen Verstand. Es ist wahr, dass die Eliten Schuld und Verantwortung für diese Aufstände, die Plünderungen, den Neid und den Volkszorn tragen, gleichzeitig ist es aber nicht zielführend, dieser einfachen Lösung zu verfallen. Mit anderen Worten, werden diese Grenzüberschreitungen nicht reichen, um dauerhaft das Glück für alle sicherzustellen, was sie suchen und was sie antreibt. Das Ziel sollte sein, eine gemeinsame Zukunft zu schmieden.



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