Trawny: Die Rückkehr der Weltanschauung und die „Letzte Generation“

Ganz nach Hegels (richtiger) Devise, die Philosophie habe die Aufgabe, ihre Zeit in Gedanken zu fassen, hielt Peter Trawny, ein Professor der Philosophie an der Universität Wuppertal und Vorsitzender des von ihm gegründeten Heidegger-Instituts am 27.09.2023 einen Vortrag über die gegenwärtige Weltlage. Dieses diffuse Allgemeine als Aufgabe der Philosophie konkretisierte sich in seinen Augen in die Konstellation aus dem hereinbrechenden Ökozid, der „Letzten Generation vor den Klimakipppunkten“ und der Frage, ob es zur Rückkehr der Weltanschauung gekommen sei, und ob sich dies in den verschiedenen politischen Strömungen und Konflikten wiederspiegeln würde, namentlich auch der Letzten Generation vor den Klimakipppunkten. Allgemein affirmiere ich, in Nachfolge von Hegel und Badiou, unbedingt diese Fassung der Aufgabe der Philosophie.

Im Ausgang dieser jeweils neu zu erarbeitenden, brennenden Fragestellung nach der eigenen Zeit und dieses interessanten Ansatzpunktes in der Klimakrise und dem Klimaaktivismus und falschen Resultats bei Trawny möchte ich hier aus der Perspektive der Liminal-Philosophie, speziell ihres ersten Teils, welcher die Klimakrise denkt, und meiner Parteinahme und Sympathie für die Letzte Generation, Scientist Rebellion und den vielen anderen Gruppen und Grüppchen, die Widerstand leisten auf einige Punkte innerhalb des Vortrages reagieren; dabei soll diese neue Philosophie und ihre Kenntnis, die ich noch erarbeite aber nicht vorausgesetzt werden, sondern die Response soll eher auf sie zuführen. Es sei vorausgeschickt, dass ich auf keinen Fall beanspruche, in irgendeiner Weise mehr abzugeben, als eine philosophische Stellungnahme. Ich spreche nicht für diese Organisation und auch nicht aus ihr, ich repräsentiere niemanden und will auch nicht so gelesen werden, sehr wohl ist es mir aber ein Anliegen, ebenfalls nach der Tradition Hegels die eigene Zeit zu denken, und hierfür sehe ich innerhalb der Liminal-Philosophie tatsächlich die Letzte Generation (aber auch andere Gruppen wie Scientist Rebellion) als „politische Bedingung“1 an, welche politische Orientierung gibt und insofern die Welt mit Sinn füllt, der nicht nur meiner eigenen Besonderheit entspringt. Hierbei werde ich auch auf Heidegger und seine Kritik der Weltanschauung und der Untergangszenarien eingehen, ein Gebiet, auf das ich keine Expertise beanspruche, aber doch zumindest so viel zu verstehen meine, dass ich Trawnys Intervention der Zeit aus ihr heraus interpretieren will, was möglicherweise etwas gewaltsam sein wird, weil ich das spezifische Verhältnis von Heidegger zu Trawny nur aus diesem Vortrag heraus erahnen kann. Dem möchte also noch hinzufügen, dass ich die übrigen Werke von Trawny nicht gelesen habe, insbesondere ist mir auch die Kontroverse rings um die von ihm getätigte Veröffentlichung der schwarzen Hefte und die Gründe, weswegen etwa Der Fall Trawny abgefasst worden ist und inwieweit Trawny sich dem Antisemitismus von Heidegger angemessen genug distanziert hat, völlig unbekannt. Möglicherweise werde ich irgendwann Zeit haben, dies nachzuholen, denn die Frage des Antisemitismus schiebt sich aus aktuellem Anlass des 7.Oktober, dem allgemeinen deutschen und europäischen Antisemitismus, der in verschobener Form nicht abreißt und aus übergeschichtlicher Notwendigkeit über alles. Mein kleiner Beitrag hier steht in einem engen Zusammenhang mit meiner anderen kleinen Schrift über eine Veröffentlichung von einen anderem deutschen Philosophie-Professor, Heinz-Martin Schönherr-Mann, genannt Medizin als göttliche Gewalt, in welcher (neben der Corona-Krise) ebenfalls die Klima-Krise thematisiert wird und noch viel deutlicher und fataler als bei Trawny verfehlt wird, die Lektüre hiervon wird aber ebenfalls nicht vorausgesetzt. Die hier entstandene kleine Schrift, welche im Angesicht der Klimakrise von Trawny auf Heidegger und von Heidegger auf Trawny zurückkommt, ist zuletzt zu einer Art Wegbeschreibung geworden, wie vom (oft postmodern gefärbten Nachkriegs-)Heideggerianismus nach der Art von Trawny zur Liminal-Philosophie gefunden werden kann, insbesondere in der Frage des verbrecherichen Ökozids und dem sogenannten „drohenden Weltuntergang.“ Ich möchte hoffen, hiermit den Sinn des Vortrages von Trawny getroffen und vielleicht auch an eine anregende intellektuelle Diskussion angeknüpft zu haben. Dass ich dabei möglicherweise dem Klischee eines Denkens entgegenkomme, welches von „gefährlichen“ Evidenzen und Klarheiten ausgeht, insofern nach den Worten Diltheys, Heideggers und Trawnys „weltanschaulich“ genannt werden könnte, sei vorausgeschickt; andererseits sehe ich an die deutsche Geschichte anküpfend auch gewichtige Gründe, diese Strategie zur Begegnung und Auflösung der jetztigen Situation als legitim anzusehen und der Skepsis gegenüber Klarheiten selbst äußerst skeptisch gegenüberzutreten.

  1. Aufschlag

Gibt es nun heute eine Rückkehr der Weltanschauung? Bevor diese Frage selbst bearbeitet werden soll, in Rücksicht auf die Fragen und Antworten, die Trawny auf diese Frage selbst gibt und die ich selbst geben würde, soll zunächst die implizite Ansicht, die sich in dieser Fragestellung positiv widerspiegelt, exponiert werden. Schon in diesem Fragen liegt eine Antwort, eine Aussage, ein Stück – von Trawny abgelehnter, infragegestellter oder zumindest kritisierter – Weltanschauung. In dieser vieldeutigen Allgemeinheit formuliert, ob es heute eine Rückkehr der Weltanschauung gebe, impliziert diese Frage schon, dass es 1. möglicherweise wieder Weltanschauungen und sogar „apokalyptische“ Weltanschauungen in der Gegenwart gibt, dass also diese Frage irgendein inhaltliches Gewicht hat und nicht trivial mit ja oder nein beantwortet werden kann, 2. dass eine zeitliche Veränderung gegenüber einem eindeutiger weltanschauungslosen Vorher vorliegt, welches wiederum auf ein 3. tieferes und weiter zurückliegendes Vorher folgt, in welchem es sicher oder gewiss manifeste Weltanschauungen „gab“. Irgendwas kehrt wieder, stört die Ruhe und das orientierungslose Getaumel, richtet die Welt wieder nach bestimmten Konturen und Formen aus, gibt ihr Sinn. Gemeint ist mit 3. natürlich, wie der Vortrag deutlich zeigt, die Zeit der großen ideologischen Kämpfe im 20. Jahrhundert, insbesondere natürlich der Nationalsozialismus, der Stalinismus und der Maoismus, zuletzt auch die 68er-Bewegung, ideologische Formationen in welche Heidegger selbst teilweise integriert war, teilweise versucht hat, sich ihnen philosophisch zu entziehen, und die jeweils auf ihre Weise eine Gefahr des Untergangs sahen und der Handlungen gegen diesen Untergang Legitimität gegeben haben. Unschwer lässt sich dann jenes „weltanschauungslose“ Vorher in 2. mit dem diffusen Gefühl des Zusammenbruchs der Weltanschauungen identifizieren, welches frühestens in den 80er Jahren und spätestens nach dem Mauerfall aufkam, und für welches Lyotard den Begriff der Postmoderne prägte, ein Begriff, über den sich sicherlich lange streiten und viele Fragen aufwerfen ließe, und in denen Heidegger ebenfalls eine Rolle spielte. Und mit jener Gegenwart 1. ist wohl, wie es Trawnys Vortrag nahelegt, jene spannungsreiche und doch zugleich unpolitische Zeit gemeint, in welcher wir uns heute befinden: Geprägt von den sogenannten Kulturkämpfen, einem neuen Faschismus und den immer verzweifelteren Versuch der des Klimaaktivismus, irgendwie das Überschreiten des 1,5 Grad Ziels doch noch abzuwenden, und hier stellt sich, zumindest für Trawny, wieder die Frage, ob eine Weltanschauung und der Apokalyptik einen Sinn ergeben könnte, und so könnte es wieder auf der Tagesordnung stehen, dass aus Heideggers Denken etwas extrahiert werden kann. Die implizite Antwort im Fragen ist nun, wie ich meine, Ausdruck eines generellen, richtigen Grundgefühls, dass sich inmitten jener liberalistisch-kapitalistischen Welt, welche seit 1990 in einen ununterbrochenen Siegestaumel hineinsteigert, irgendetwas diffus anders geworden ist. Irgendwas tritt in diese bisher ungeordnete und uneindeutige Welt ein, und doch ist zugleich nicht klar ersichtlich, was. Und so wie es auch nebulös ist, was sich geändert hat, so ist es auch bislang nur undeutlich zu erkennen, ob denn nun diese Weltanschauungen wiedergekehrt sind, oder nicht. Und weil diese implizite Antwort in der von Trawny Frage nun selbst ein Stück Anschauung der Welt und ihres jüngsten Zeitverlaufs ist, mag sogar diese Ansicht unscharf erkennbar und somit selbst das bestimmte Fragen fraglich geworden sein. Versinkt also alles in einer tiefen Fraglichkeit, eine Fraglichkeit um das eigene Fragen herum? Der Nebel zieht überall auf.

Heideggers Denken ist es eigen, in einen solchen Strudel des Fragens zu verführen, es ist der Stil Heideggers, alles Feste und Fixierte in ein tiefes und noch tieferes Fragen herabzureißen, eine Tiefe unter dem Boden der von festen Bedeutungen und Sinnbezügen durchwirkten Alltags- und Ausnahmewelt, dieses fest bestimte Gewirke aus Privatleben, Öffentlichkeit, Berufstätigkeit und Betrieb, Wissenschaft und Politik. Hinter dem Seienden, den Verweisungsbezügen des Besorgens und der allgemeinen Orientierung, wie es etwa im geschäftigen Kapitalismus vorliegt, lauere ein Abgrund, in welchem der Mensch von Urzeiten an eingelassen wäre, nur habe er diese tiefe Vorvergangenheit leider vergessen, wohl aufgrund der Suche eines falschen Sicherheitsgefühls. In der noch die Vorsokratiker vorausgehenden Vorzeit, ja in der Zeit bevor Homer seine gegenwärtigenden Gesänge über Griechenland verdichtete, da habe der Mensch noch diese schlechthin fragliche Welt bewohnt, die Gewissheit ihrer absoluten Rätselhaftigkeit, Kontingenz und Unzugänglichkeit für den menschlichen Verstand voll ausgekostet. Vielleicht kam jene Fraglichkeit auch in der frühchristlichen, radikal apokalyptischen Erwartung der möglichen Wiederkehroder des Ausbleibens Gottes wieder auf, der Möglichkeit, dass alle Sinnbezüge in sich zusammenbrechen und umgeschrieben werden. Es war der existenziell und eigentlich erfahrene Untergang, wo alles in absoluten Fragen aufgeht, wo die einzige Gewissheit die Ungewissheit ist. Und möglicherweise hat sich im Abgrund des ersten industriellen Weltkrieges, also der blanken Erfahrung der Destruktivität der Moderne dem Menschen wieder ein Bewusstsein dieser absoluten Kontingenz aller Dinge eröffnet. Und möglicherweise finden wir heute eben jene verunsichernede Rätselhaftigkeit wieder vor, in der Erwartung des klimatischen Untergangs, wie Trawny andeutet. Eigentlich – so zeigt es die Fundamentalontologie Heideggers – ist dieses rätselhafte Sein, diese allgemeine Unzugänglichkeit, die zugleich eine Zugänglichkeit der Unzugänglichkeit ist, die Gewissheit der totalen Ungewissheit der Welt aber immer da, es lauert hinter jeder religiösen, moralischen oder wissenschaftlichen Erklärung als grimmige Drohung, dass alles doch ganz anders sein könnte. Fragen, Fragen und nichts als Fragen, in welche die Welt zerstäubt und sich doch wieder als die, die sie ist wieder zusammenfügt. Heideggers Fragen will die Geschichte überwinden, die historischen Verortungen der Menschen aufbrechen, und doch findet es selbst historisch an einem sehr bestimmten Moment statt, nämlich am Abend des ersten Weltkriegs, der Stunde Null des 20. Jahrhunderts, jenem „Zeitalter der Weltanschauungen“, das vorbei ist und scheinbar nun wiederkehren könnte. Mag man für einen Augenblick das Versinken in den Fragen zu unterbrechen erlauben, so ist dieses Fragen Heideggers selbst Ausdruck einer historischen Konstellation und einer historischen Konfliktlage gewesen, die zu heben ist und die sehr bestimmte, fixierbare Konturen hat, egal wie viel Nebel sie wirft. Die Analyse, die durch den historischen Rückbezug auf den Anfang von Heideggers Denken einen großen Epizyklus zieht, mag von Heideggers und Trawnys eigenem Vorgehen fortführen, in eine historische oder sogar historisch-materialistische Anschauung hinein, sie wird es aber auch erlauben, die Bedeutung Heideggers und seines Erbes, das in Trawny weiterbrennt für uns zu ermessen, denn tatsächlich meine ich, dass die Ursprünge von Heideggers Denken und unsere heutige Situation vergleichbar sind und dass dieser Umstand einen tiefen Einblick in unsere Zeit, in Heidegger, Trawny und die Letzte Generation vor den Klimakipppunkten ermöglicht. Ich folge also dem richtigen, entscheidenden Einwand von der auf Trawnys Vortrag antwortenden österreichischen Philosophin Charim, statt von leiblosen Weltanschauungen im Nebel des Seins auszugehen, auf ihre gesellschaftliche Bedingtheit zurückzukommen, und dass nur auf diese Weise Heidegger und auch das Denken von Trawny und der letzten Generation verstanden werden kann.

2. Ursprung von Heideggers Denken im ersten Weltkrieg

Wo und wie entsprang Heideggers Fragen, Heideggers Seinsfrage? Der erste Weltkrieg war der erste und letzte zugleich imperialistische und industrielle Krieg, ein völlig bespielloses menschliches Desaster. Millionen von Soldaten wurden mobilisiert, im Feuer der Maschinengewehre, der Artillerie und des Giftgases massakriert, für ein paar Zentimeter „strategisch relevante“ Hügel irgendwo zwischen Deutschland und Frankreich. Man transportierte Millionen von Soldaten aus den übrigen, kolonisierten Teilen der Welt nach Europa, als billiges Kanonenfutter. Die europäische Erde tränkte knietief sich mit Blut. Die bürgerliche Klasse wie auch die Gewerkschaften hatten sich weltweit darauf geeinigt, zusammenzuhalten, um die bürgerliche und proletarische Klasse der anderen Nationen zu töten: Der sogenannte Burgfrieden war nicht nur in Deutschland, sondern auch auf der ganzen übrigen Welt der Standard. Der Grund für diese Katastrophe? Das kapitalistische Streben nach Profit, die Konkurrenz der nationalen Großunternehmen war in den Imperialismus und Nationalismus umgeschlagen und erstickte alles Nachsinnen über einen alternativen Weg über das Siegen und Besiegtwerden hinweg. Der Katastrophe waren kleinere und größere Konfliktherde auf der ganzen Erde vorausgegangen, in denen sich das gewaltsame Zusammenprallen der zerstrittenen europäischen Großmächte bereits angekündigt hatten. Nietzsche, Engels, eigentlich alle hatten geahnt, dass dieser Krieg ausbrechen würde, zuletzt stimmten aber selbst die Arbeiter und Sozialdemokraten darin ein, mitzumachen. Als dann die Katastrophe der Welt vor Augen war, waren sämtliche politischen Kräfte der Erde kompromittiert – mit der kleinen, aber bedeutenden Ausnahme der sozialdemokratischen Partei Russlands, welche Lenin auf einen strikten Antikriegskurs eingeschworen hatte. Ihr gelang es im Chaos der sich abzeichnenden russischen Niederlage die Macht zu erringen, mit dem hehren Ziel, die Pariser Kommune mittels einer elitären Partei zu wiederholen und dann den Kommunismus herbeizuführen, also den Kapitalismus zu beenden, der in dieses Schlamassel geführt hatte, also anscheinend einen weiteren und tieferen Untergang abzuwenden. Hinzu kamen anarchistische und rätedemokratische Versuche auf der ganzen Erde, unter anderem auch in Ungarn. In Deutschland standen ihrerseits die Sozialdemokraten kurz vor der Machtübernahme, die Novemberrevolution stand in der Luft. 1918 war die Erde in ein nihilistisches Gemetzel umgeschlagen, ja, sie war ein orientierungsloses Vakuum an Weltanschauung geworden, ein wahrer Abgrund, ebensosehr erschien aber in dieser Zeit ereignishaft ein neuer Sinn, eine Richtung aus diesem nihilistischen Abgrund heraus, mit damals völlig unabsehbaren Folgen und Möglichkeiten für die menschliche Zukunft, der Realsozialismus war geboren. Mit und gegen sie erschien in Kontrast hierzu dann der Faschismus, als der abscheuliche Wille, die Unmenschlichkeit der Kriegserfahrung zu verewigen und zu zelebrieren; der Pazifismus und andere bürgerliche Ideologien traten in dieses Vakuum der Weltanschauung mit ein.2 Das 20. Jarhundert, jenes Zeitalter der Weltanschauuungen entspringt als das die allgemein-menschliche Frage, ob und wie aus diesem Desaster des Kapitalismus zu entkommen ist, wie das Desaster beantwortet werden kann, eine Frage, welche sich in den politischen Kämpfen Europas und der Welt alsbald in einen neuen Krieg umschlug, es ist das Ausagieren dieses Zeitalters, auf eine Entscheidung und damit auf eine neue Welt abzielend. Heidegger und seine Seinsfrage, die ebensosehr in diesem schicksalhaften Jahr 1918 entstand,3 stellte sich aber von Beginn an dieser Tendenz zur Beantwortung, also der von ihm prognostizierten Weltanschauung antagonistisch entgegen. Die in Heidegger sich radikalisierende Philosophie zielte nicht auf Antworten ab, sondern auf die Zeitigung des Rätsels selbst, somit das Innehalten und Einfrieren jenes allseits erfahrenen Vakuums an Welt und Sinn, dass die Soldaten im Schützengraben erleiden mussten. Damit war Heidegger nicht allein, ein Geschwisterkind im Geiste, diesmal direktes Produkt der Fronterfahrung, war etwa Wittgensteins Traktatus. Es entstanden 1918 neben den politischen Weltanschauungen selbst im Raum der Philosophie radikale Negationen jeglicher Bedeutsamkeit, als eine Art von Beginn an beiliegendes Gegenmittel zur allgemeinen Tendenz des Zeitalters, über sein Schicksal zu entscheiden. Ich lasse es hier noch offen, ob jenes philosophische Gegenmittel zur Antwort auf das Zeitalter als Gegengift zu den „inhumanen“ und „seinsvergessenen“ Wahrheiten des Sozialismus, Faschismus und Liberalismus zu werten ist, oder nicht eher als Ohrenstöpsel, mit denen inmitten dieser notwendigen, lauten Kämpfe ein Stück borniertes, unpolitisches und privates Glück erstohlen werden kann. Neben der Entstehung von politischen Weltanschauungen, die Sinn, Richtung und Orientierung entspringen ließen, gab also am Abend des ersten Weltkrieges ein Revival der philosophischen Weltanschauungen, nun unter dem negativen Vorzeichen der Fraglichkeit und Mystik. Sie sind, insbesondere aus der heutigen Rückschau, leicht als Komplemente von (weltlichem) Inhalt und (überweltlicher) Erhebung erkennbar, als die beiden zerbrochenen Hälften des philosophischen Denkens, die in Hegels System zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch vereinigt gewesen sind – Spiegelbild der (damals noch) hoffnungsvollen, konkreten wie erhabenen Lichtung der bürgerlichen Welt. Kurz gefasst: Die Fraglichkeit, das Abgründige des Abgrunds und die Rätselhaftigkeit des Rätsels, mit dem sich Heidegger befasste, ist also gar nicht so grundlos und ursprünglich gegeben, sondern ein Zwilling seines Gegenteils, der im Staub des globalen Zusammebruchs des bürgerlich-kapitalistischen, imperalistischen Weltgefüges entstand. Heidegger hat nun selbst überhaupt nicht bestritten, dass die Seinsfrage und überhaupt das Sein mit einer bestimmten Grundverfassung des Seienden zusammen als Frage auftritt, also besagter Weltanschauungen und weiter natürlich der Wissenschaften die das Seiende entbergen; den Vorrang jener ontischen, historischen Verhältnisse wollte er aber dennoch nicht einräumen, das hätte den ganzen fundamentalontologischen, weltanschauungskritischen Grundansatz ja gefährdet. Gibt es einen bestimmten, anschaulichen, etwa gesellschaftlichen Grund des Fragens in der Welt – also dem selbstzerstörerischen Niedergang des Kapitalismus, so wird von einer Vorentschiedenheit der Dinge, einem Sein und Nichtsein ausgegangen, dem Primat der Antwort (durch die Geschichtswissenschaft) vor dem Fragen also. Das historische Fragen nach dem ersten Weltkrieg und so die gesellschaftliche Rahmenbedingung ist also schon der Anfang vom Ende von Heideggers hermeneutischen Zirkel bzw. der Spirale, welche die heideggersche Philosophie darstellt. Will man sich rein dem Fragen überlassen, so wird auch die historische Situierung des Fragens fraglich, wodurch es sich zuletzt verabsolutiert.

Aber Heideggers Fragen ist keineswegs ein sich selbst voraussetzender Zirkel, vielmehr findet Heidegger an den Wissenschaften, und so auch an der herangezogenen Wissenschaft der Geschichte, den verschiedenen Epistemologien und philosophischen Weltanschauungen die Gründe, aus denen er in die Seinsfrage hinneingerät. Heideggers fragen geht nicht an den Wissenschaften, politischen Ideen und Philosophien seiner Zeit vorbei, sondern denkt aus ihnen heraus, im Ausgang der ganzen übersichtlichen Schwierigkeit der gescheiterten bürgerlich-kapitalistischen Welt. Von 1918 bis 1927, dem erscheinen von Sein und Zeit befasst sich Heidegger oberflächlich betrachtet allein mit dem Problem, dass die Philosophien und Epistemologien ihre Glaubwürdigkeit verloren haben, allen voran die subjektzentrierte Metaphysik der Neuzeit von Descartes bis Husserl und mit ihnen zusammen auch die Wissenschaft; die Politik, z.B. die Frage nach Freiheit oder Sozialismus ist (in den Vorlesungen) scheinbar eher sekundär. Blendet man das Gesamtspektakel aber ein, in welchem Heidegger fragt, so ist doch auffällig, dass jener Zusammenbruch der Erkenntnisfragen mit dem selbst herbeigeführten Feuertod der Industriezivilisationen und der bürgerlichen Welt einhergeht. Heidegger fragt philosophisch und erkenntnistheoretisch, und er wiederlegt die klassische, bis in die Neuzeit von Hegel bis Husserl tätige Vorstellung der Philosophie an ihr selbst, ihrer eigenen Grundlage inne zu sein und so das Sein des Seienden zu bestimmen und zu überblicken. In seinen späteren Texten nach Sein und Zeit werden diese „weltanschaulichen“ und politischen Grundlagen seines Frages auch bewusster bearbeitet (und reflektiert?) werden, wie etwa in der Technikkritik und den Angriffen auf die Gipfelpunkte des neuzeitlichen Denkens Hegel und Nietzsche. Klar ist aber auch, dass dieses bei Heidegger ermittelte Zusammenbrechen der Philosophien und Weltanschauungen, die in die Seinsfrage überführen, durchweg von der ureigenen Idee und dem Maßstab der klassischen Philosophie selbst getragen wird: Dass eine echte Philosophie auch eine echte, unzweideutige Orientierung bieten soll, ein Wissen sein muss und eine begründete Weltanschauung herbeiführen solle. Und eben dieses Philosophie-haben als Wissen und Weisheit über Mensch, Welt und Geschichte war 1918 offensichtlich an sein Ende gelangt, ohne dass eine unzweideutige Alternative erschien, und eben jenes Scheitern wurde dann selbst zur negativen, aufhebenden Erkenntnis, welche gegen die Weltanschauungen und Philosophien seiner Zeit zu wenden war. Man könnte sagen: Heidegger hält insofern am Anspruch von Hegels Denken fest, absolute Orientierung zu geben, macht aber aus dessen offensichtlichem Scheitern eine neue Orientierung, welche die Negativität in ein positives Phänomen fasst. Es ist nicht schwer zu rekonstruieren, dass hierbei Diltheys Weltanschauungsphilosophie eine gewichtige Rolle spielte, jene relativistische Abrechnung Diltheys mit den großen philosophischen Systemen, die an die Stelle einer echten Philosophie die Rätselhaftigkeit des Lebens setzte.4 Mit dem ersten Weltkrieg und einer philosophiehistorischen Rückschau bis Platon und Aristoteles konnte Heidegger dann ab 1918 Diltheys These vom Zusammenbruch der Philosophie in bloße Weltanschauungen in eine positive, drängende Kritik der Gegenwart umgießen, welche entsprechend die aufblitzenden Nachkriegs-Weltanschauungen angriff und deren allgemein apokalyptische Stimmung gleichzeitig deutete, kritisierte und übertraf. Den Weltanschauungen, welche ja die epistemologische Grundlage der Wissenschaften und Politiken waren, sei nun die kritische Philosophie, später Fundamentalontologie entgegenzustellen.

3. Kritik der politischen Ideologien der Weimarer Zeit. Umschlag in die Affirmation

In diesem Sinne sind seine (wenn auch hinter den epistemologischen Fragen deutlich im Hintergrund stehende) politisch-weltanschaulichen Kritiken nach 1918 in der Weimarer Zeit aufzufassen. Kritisiert wird Spengler,5 der Marxismus6 und die bürgerliche Welt7 in Weimar; kritisiert werden diese Philosophien im Ausgang ihrer wackeligen epistemologischen Grundlagen und überhaupt der Tatsache, dass sie die Rätselhaftigkeit des Seins überdecken würden, somit überhaupt „weltanschaulich“ sind. Das Problem ist also nicht, dass sie falsch sind, und es demgegenüber eine wahre Philosophie, Wissenschaft oder Weltanschauung gibt, sondern, dass sie überhaupt das Rätsel auflösen und die Kontingenz reduzieren. Das zeigt sich besonders grell etwa an Spengler, der mit seiner These vom Untergang des Abendlandes im rechten und konservativen Millieu der jungen deutschen Republik viele Anhänger fand, das Millieu also, in dem auch Heidegger kursierte. Sie war eine faschistische These, somit eine „Entscheidung“ der weltanschaulichen Richtung nach 1918 hin zum Autoritarismus mit einer entsprechenden Untergangsidee, die Arbeiter waren das Problem, an dem die abendländische Welt zugrunde ging, und ein Führerstaat nach dem Vorbild Caesars und Mussolinis sollte die Lösung sein. Das wesentliche Problem von der These Spenglers war für Heidegger nicht, dass sie falsch war (im Sinne einer pseudowissenschaftlichen, ja mystischen Spekulation, die sie ja auch tatsächlich war) dass sie überhaupt eine das Rätsel auflösende These ist, dass sie den Menschen eine Sicherheit gibt, eine Richtung, einen festen Zeitpunkt des Untergangs und einen Auftrag annahm (und so auch in gegenwärtiger Sprache: eine entsprechende Handlungslegitimität). Daher ging es Heidegger auch nicht darum, dem eine wissenschaftlich fundierte Zukunftsprognose, einen Aufweis von realistischen Gefahren oder ein demokratisches oder egalitäres politisches Programm entgegenzustellen, wie es etwa die bürgerlichen oder kommunistischen Denker der Weimarer Republik taten. Was ist dieser spenglerschen Festlegung auf die faschistische Auflösung der Spannung des Zeitalters im Cäsarismus entgegenzustellen? Etwa, dass es keinen Untergang des Abendlandes geben wird? Nein. Heidegger befasste sich schon damals mit der (orthodox verstandenen) apokalyptischen Erwartung der frühen Christen,8 etwas, was er später den Vorlauf in den Tod nennen würde. Gegenüber Spenglers Erwartung eines bestimmten Endes zu einem bestimmten Zeitpunkt und einer bestimmten historischen Auftrags der abendländischen Kultur, hinter der sich eine bestimmte Weltanschauung zeigt, ist die völlige Kontingenz der Erwartung zu setzen, der Untergang kann also jeden Augenblick kommen oder ebenso auch ausbleiben, es ist die permanente und allgegenwärtige Apokalypse und Unsicherheit für das Abendland und Deutschland überhaupt zu suchen. Es ist derselbe Kontrast zwischen den Christen, welche die Apokalypse zu einem bestimmten Zeitpunkt festlegen, und solchen, welche, wie die katholische Kirche verlangt, von der hora incerta ausgehen, dem Umstand also, dass die Widerkunft Gottes nie gewusst oder auch geahnt werden kann. Für Heidegger ist der Hauptgegensatz eben der zwischen denen, die sich festlegen, und solchen, die es nicht tun, nicht die, die in der Prognose auf Gründen bauen, und solchen, die keine vorweisen können. Hier fungiert diese Form der radikalisierten, agnostischen Apokalyptik Heideggers als Kritik des von Spengler gefassten Faschismus. Heideggers Kritik des Materialismus und der bürgerlichen Vorstellungen mögen analog ausgefallen sein: Sie alle fehlen, sie legen sich irgendwie fest, sei es durch eine bestimmte Vorstellung des Aufbaus der Welt, des Schicksals der deutschen Nation und so weiter. Die Offenheit der Zukunft und der Apokalyptik wird von Heidegger zu einer Hyper-Apokalyptik radikalisiert, so sehr, dass er sich hiermit über die politischen Richtungsstreite des Zeitalters erhebt. Diltheys skeptische Kritik der Weltanschauungen bekommt also einen ganz bestimmten, politisch-gesellschaftlichen Sinn und fusioniert zugleich mit der apokalyptischen Stimmung des ersten gedanklich festgefahrenen ersten Weltkriegs; dabei erhält sie zugleich einen pseudomoralischen Anstrich, inwiefern die „Festlegung“ auf einen bestimmten Zeitpunkt als menschliche Arroganz gegeißelt werden kann, als Wahn der Beherrschung, Frevel.

Lässt sich jene verrätselnde Erhebung über das Ontische und Weltanschauliche, somit also die Streitfrage des 20. Jahrhunderts aber wirklich halten? Ist es möglich, im Sein und Abgrund der absoluten Kontingenz zu bleiben oder die nackte und unbestimmte Existenz tatsächlich zu leben? Nein, natürlich nicht. Spätestens ab Sein und Zeit ist klar, dass Heideggers radikale Kritik der Philosophie und Weltanschauung nicht darauf abzielt, dass in jenem formalen, absolut unsicheren Sein verharrt wird, sondern dass sich durch eine im Gewissen vollzogene Entscheidung das Sein wieder in eine bestimmte Weltanschauung verdichtet. Die eigentliche Lehre von Heidegger ist also weniger, sich aus den Weltanschauungen, Epistemologien usw. fernzuhalten, erhaben „über“ den Streitigkeiten des Zeitalters zu stehen, sondern vielmehr mit einem größeren Bewusstsein ihrer Rätselhaftigkeit eine existenzielle Richtung einzuschlagen, oder, politisch und historisch gedacht, im Bewusstsein des Abgrunds an Sinn eine sinngebende Antwort auf die Streitfrage des Zeitalters zu geben. Vom Abgrund der absoluten Apokalyptik kommend wird also eine abgeschwäche Form der allgemeinen Orientierung gesucht, stets im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit. Man mag diese „Einbettung“ von Heideggers eher auf die existenzielle und persönliche Ebene geeichte Lehre der Entscheidung aus Sein und Zeit in den politischen Kontext protestieren. Aber sowohl die berühmten Paragraphen zum Volk9 als auch die spätere Entwicklung Heideggers zeigen sehr deutlich an, dass der gesellschaftlich-politische Streit um die Weltanschauungen durchaus bei seiner Lehre der Entscheidung mitgedacht war. Das zentrale Merkmal dieser „dezisionistisch“ genannten Lehre ist natürlich, dass es kein inhaltliches Kriterium ihrer Entscheidung gibt, sondern bloß eine andere Haltung zum Entscheiden erarbeitet und gefordert wird, es geht um die bloße Form der Entscheidung. Die Eigentlichkeit ist eine Möglichkeit der persönlichen Umkehr und Umorientierung im eigenen Leben, sie setzt aber dem gemeinüblichen Leben der Menschen nichts „hinzu“ außer das Bewusstsein ihrer eigenen Endlichkeit, Kontingenz und Verantwortung. Es ist der existenzialistische Widerhall der von Dilthey vertretenen Lehre der Weltanschauungen, sie äußert sich hier darin, dass alle „Richtungen“ der Entscheidung gleich weit vom Sein und seiner Rätselhaftigkeit entfernt sind. Sieht man jene Lehre wieder im Kontext der Zeit nach dem ersten Weltkrieg zu zeigt sich der Irrtum der bisherigen Interpretation, welche Rolle Heidegger hier einnahm und wie er die gesellschaftliche Lage wiederspiegelte: Die Seinsfrage ist weder eine edle „Erhebung“ über die Grundfrage des 20. Jahrhunderts, noch eine feige Betäubung gegen sie, sondern vielmehr die gedankliche Exposition ebenjenes Zwiespalts, die begriffliche Unterstreichung seiner historischen Dramatik, gleichzeitig versinkt aber das Inhaltliche, die Richtung der Entscheidung zu einem Äußerlichen und Unwesentlichen herab. Heidegger steht inmitten des 20. Jahrhunderts und seines ideologisch-politischen Entscheidungsdilemmas, wenn er philosophisch die Seinsfrage aufwirft, und er findet in der existenziellen, persönlichen Entscheidung eine Miniaturform dasselbe vor. Das von politischen Spaltungen durchfurchte Deutschland der Weimarer Zeit, dass in den Rechts- und Linksextremismus zerrissen wurde, sich ängstigte und sich einer diffusen, ungreifbaren und ungegenständlichen Apokalyptik ausgesetzt war, fand sich mit guten Gründen in jenem „expressionistisch“ wirkenden epochalen Werk Sein und Zeit wieder.

Das tief sitzende Problem von Heideggers Ansatz ist aus dem düsteren Ende der weiteren Geschichte dieses „Meisterdenkers“ zu ermessen. Ich werde mich hier nun einiger treffender analytischer Termini von Badiou bedienen, um sie auszuarbeiten, der seinerseits eine tiefe und umfassende Auseinandersetzung mit Heidegger suchte. Heidegger entschied sich bekanntlich, antwortete auf die Frage und er entschied sich zugunsten des nationalsozialistischen Faschismus, einem nach Badiou zu sagen politischen Trugbild.10 Dieses gedankliche Fiasko, diese Niederlage der Philosophie in einer ihrer tiefsten Vertreter im 20. Jahrhundert hat schon viele dazu angeregt, sie denkerisch zu durchdringen, ich nehme an, ich möchte mich hier weder mit den Arbeiten Trawnys noch die anderer Philosophen messen, hier Licht ins Dunkel zu bringen. Klar scheint mir aber zu sein, dass es dem Ansatz Heideggers, vom Inhalt der Entscheidung abzusehen und den Akt der Entscheidung selbst in den Mittelpunkt zu rücken; alle Weltanschauungen, Wissenschaften, politischen Strömungen, Bestimmungen der Gefahren oder sogar des Weltuntergangs „gleich weit“ vom Rätsel des Seins anzusiedeln inhärent innezuwohnen, dass die Gefahr eines Trugbildes, einer falschen Entscheidung in ihrer Relevanz heruntergespielt wird. Nein, wenn wirklich alle Weltanschauungen gleich weit vom Sein entfernt sind, wenn alles ohnehin in einer tiefen Fraglichkeit untergeht, dann gibt es im Grunde auch keine Kriterien, die ein Trugbild von einer Wahrheit, die Meinung von der Wissenschaft, die parteiische Politik von einer Gemeinschaftlichen unterscheiden ließen. Allein den Begriff des Trugbilds von Badiou einzuführen, ist schon ein Verstoß gegen die Grundkonzeption Heideggers, vor allem den Akt und die Form der Entscheidung in den Mittelpunkt zu rücken. Wahrheit und Falschheit steht hinter dieser Fixierung auf die Form der Entscheidung zurück, die sich bei Heidegger zeigt. Setzt man an, dass es Trugbilder und Wahrheiten gibt, so gibt es offenbar wieder einen Vorrang des Seienden vor dem Sein und der Antwort vor der Frage.

Heidegger entscheid sich bekanntlich für den Nationalsozialismus, einer bestimmten Weltanschauung neben anderen, eine Seite im Kampf der Weltanschauungen. Heidegger hätte natürlich auch anders entscheiden können. Marcuse, ein Schüler von ihm, verwendete als erster Heidegger-Marxist die Grundkonzeption der existenziellen Erfahrung und Entscheidung dazu, das revolutionäre Handeln des Proletariats, den Umschlag in den Aufstand zu erläutern, also eine Entscheidung für den Kommunismus;11 Sartre, nicht weniger existenzialistisch und dezisionistisch wie Heidegger, fand durch diese Lehre zum unbedingten sozialistischen Engagement.12 In den Händen kritischer Philosophen scheint die Lehre Heideggers von der Entscheidung und des Umschlages in eine Sinngebung tatsächlich auch zu emanzipativen Entscheidungen führen zu können, vielleicht stützte sie deren Gewissensentscheidung und Verantwortung für die Welt sogar. Klar ist aber auch, dass hierzu etwas in Heideggers eigener Lehre hinzutreten muss, was er selbst nicht aufwies, weil diese Lehre intrinsisch unfähig ist, zwischen Trugbildern und Wahrheiten zu unterscheiden. Isoliert betrachtet, ist die Seinsfrage und der Dezisionismus in ihr dazu prädestiniert, Trugbilder als Wahrheiten und Wahrheiten als Trugbilder verwechseln zu lassen, in ihr versinken alle Unterschiede. Heideggers ganzer Ansatz hat so viele Gemeinsamkeiten mit jener Lehre von Nietzsche von der Affirmation des Scheins, also der bewussten Annahme einer Weltanschauung, obwohl sie unbegründet ist (wenngleich Nietzsche auch darüber hinaus deren „Effizienz“ mitbedachte). Dieses irrationalistische Moment war damals keineswegs ein persönliches Anliegen Heideggers oder seiner existenzialistischen Philosophie. Der Nationalsozialismus nannte sich gerne eine „Weltanschauung“ und subjektivierte und relativierte sich damit selbst; wohl natürlich mit der Überzeugung, dass die anderen politischen Strömungen ja ebenfalls „bloße Weltanschauungen“ sind; er sah sich also selbst als eine Art von „Meinung“ an, eine Meinung neben anderen; Heideggers Gedanke war hier durchweg anschlussfähig. Als dann schließlich der Nationalsozialismus besiegt wurde überdauerte dieser Gedanke die Zeit ebenfalls in der fatalen Behauptung Heideggers, dass doch die Bundesrepublik und der Nationalsozialismus gleich weit vom Sein entfernt sind.13 Klar, sie sind beides „weltanschauliche“ Alternativen, die an sich gleich weit vom Sein entfernt sind. Ein weiteres Beispiel ist auch etwa Heideggers Gleichstellung von Wissenschaft und Religion, womit er freilich die Mühsam erhobene Trennung von Wissenschaft und Meinung aufhob, die Platon errichtet hatte.14 Faschismus, Sozialismus, bürgerliche Republik, Religion, Wissenschaft, Astrologie, Klimaforschung – alles ist, so will es Heidegger glauben lassen, gleich weit vom Sein entfernt, alles ist Sache einer Entscheidung und alles ist nur von dem Punkt her zu verstehen, dass es das tiefe innere Fragen aushebelt, unterdrückt und möglicherweise auch „vergessen lässt“. Kommt bei Heidegger nicht „etwas dazu“, und sei es ein Funken Anstand, den Heidegger offenbar nicht hatte, so findet sich in ihm eine fatale Mischung von versucherischer Tiefe und Indifferentismus.

3. Der Ausbruch aus Heidegger. Horkheimer, Badiou

Und wieder stehen wir vor dem selben Problem, dass Heideggers Grundansatz schon übertreten wird, wenn äußere Kriterien zur Entscheidung in diese oder jene Richtung angesetzt werden, wenn nun zwischen Trugbild und Wahrheit getrennt werden soll; und dass auch die klassischen philosophischer Weltbilder, welche diese Wahrheit an die Hand geben, also etwa die neuzeitliche Philosophie, an Glaubwürdigkeit verloren hat, ja sich selbst gründlich unterminiert hat. Wie ist dieser Falle zu entkommen? Zugespitzt, dramatisiert: Wie ist dieser Falle zu entkommen, die Heidegger während der Weimarer Zeit offenbar in den Nationalsozialismus, einem politischen Trugbild hineintrieb? Wie ist dieser Falle zu entkommen, in die wir heute als den späteren Lesern und Interpreten Heideggers und Lesern der neuzeitlichen Philosophie wieder hineingeraten sind, wenn wir diesem Gedankengang gefolgt sind? Wie ist dieser Falle zu entkommen, die nun offenbar auch heute wieder in der ganzen Gesellschaft zu existieren scheint, wo es offenbar, wie Trawny meint, wieder „weltanschauliche Entscheidungen“ gibt? Wie kann vor die Entscheidung gestellt, vor welche die Klimaforschung, die politischen Kämpfe, die Wissenschaft, die Klimaleugnung und Organisationen bringen, ohne dass wir im Mindesten eine tiefere Orientierung hätten als damals Heidegger, verhindert werden, eine fatale Fehlentscheidung zu treffen, wie Heidegger es tat? Wie können wir unterbinden, sich in diesen „Weltanschauungen“ zu vergreifen?

Tatsächlich ist die Lösung, welche die Linken von damals und heute diesbezüglich angeboten haben und heute wieder anbieten, gar nicht schwer zu verstehen, sie ist sogar recht intuitiv; dafür sei Horkheimer und dann Badiou als grobe Inspiration herangezogen. Horkheimer befand in den 1930er Jahren gegen Dilthey Folgendes (und dies ließe sich, wie es oben hervortritt, auch von Heidegger sagen): Der ganze Grundansatz, Materialismus, subjektiven Idealismus und objektiven Idealismus als „Weltanschauung“ zu deklarieren und dann die Unmöglichkeit der Entscheidung vorzulegen, ist bereits als Ansatz der Frage falsch und irreführend. Materialismus ist keine Weltanschauung, sondern die Annahme, dass es nur das wissenschaftlich erfassbare und somit das weltanschaulich Neutrale gibt.15 Eben dies führte Horkheimer in eben jener bewegten Zeit zum epistemologischen Materialismus, dann zum Marxismus und zuletzt der kommunistischen „Auflösung“ der Streitfrage des 20. Jahrhunderts, dem gewagten und entbehrungsreichen Versuch also, so eine Katastrophe wie den ersten Weltkrieg nie wieder geschehen zu lassen. Der Gedanke Horkheimers kann etwa so verstanden und interpretiert werden: Die Frage so zu stellen, ob der Idealismus oder der Materialismus richtig sei, setzt somit implizit bereits den zwischen den Lösungen fragenden Geist oder Dasein und so das „Rätsel des Lebens“, aus dem sich später die Seinsfrage entwickelte, als Antwort auf diese Frage an. Ähnlich ist auch die „agnostische“ Frage zwischen szientifischen Atheismus und Religion, dem Glauben an das empirisch Beweisbare und an die Möglichkeit von Wundern schon als Frage religiös unterfüttert und so irreführend. Und Horkheimers Gedanke führt noch weiter, denn so wie die Wissenschaft keine Weltanschauung neben anderen ist, sondern weltanschaulich neutral ist, so gilt dasselbe eigentlich auch von der Demokratie und zuletzt auch von der politischen Idee der sozialen Gleichheit, dies sind auch alles „neutrale“ Werte, die keine „weltanschauliche“ Entscheidung bedeuten, sondern den Subjektivismus der Entscheidung und der Fragen gar nicht erst zulassen. Der Einwand des Zuschauers im Video, dass die Demokratie ein Aushandlungspunkt der Weltanschauungen ist, trifft zu; das erhebt diese aber auch darüber, eine gleichberechtigte Weltanschauung neben dem Autoritarismus zu sein. Daher ist auch die Entscheidung zugunsten des Kommunismus, als dem damals plausiblen Versuch, sowohl Gleichheit wie Demokratie zu verwirklichen, eine Erhebung über den Subjektivismus, der Versuch, objektiv zu entscheiden. Ist das aber nicht durch ihre Annahme von Klarheiten eine durchweg „weltanschauliche“ Perspektive? Ist man mit dieser Vorgängigkeit gegenüber allem Fragen und Entscheidungen nicht rettungslos verloren, dem ideologischen Wahn der falschen Gewissheiten ausgeliefert, eine Art von weltanschaulicher Tyrann? Setzt man nicht implizit doch eine Entscheidung an, welche das Nicht-Entscheiden entscheidet oder den (willkürlichen) Subjektivismus zurückstellt?

Das ist nun nicht zu leugnen. Um nicht wieder in den Strudel der Fragen zu geraten, der in Heidegger hineinführt und dann in die Gefahr der Einebnung aller Kriterien, sei nun ein Gedanke von Badiou beigesteuert, welcher die Entscheidung zum Materialismus, zur Wissenschaft, zur Gleichheit und Demokratie noch etwas deutlicher erklären kann, auch wenn hier Badiou viele Fragen nur peripher bearbeitet und wieder eine große und gewaltsame Interpretationsleistung nötig sind, die mich am Ende auch zur Liminal-Philosophie geführt haben, d.i. eine an Badiou anschließende Philosophie, in der viele Fragen entschieden sind, die Badiou nicht beantwortet. Man bleibe aber zuerst bei Badiou: Das Problem beginnt bereits beim Maßstab der neuzeitlichen Philosophie selbst, eine absolute Gewissheit, ein Wissen in der Philosophie zu suchen; ein Maßstab, den Heidegger implizit doch immer wieder voraussetzt. Bei Badiou findet sich aber eben so ein Anspruch des Wissens gar nicht mehr vor: Philosophie, welche ja die Aufgabe zu entscheiden hat, was „ein Wahrheitsprozess“, d.h. die wahre Wissenschaft und Politik ist, hat keine Beweise.16 Die Basis der Philosophie sind für Badiou spezielle Axiome, welche aber nicht willkürlich sind, von denen das bekannteste das sogenannte metaontologische Axiom ist, dass die Ontologie Mathematik sei,17 ebenso ließe sich aber auch von metapolitischen Axiomen sprechen.18 In der Mathematik gilt dann, dass von den vielen Axiomen die gewählt werden, die „so viel wie möglich“ dem Subjektivismus und der Willkür entreißen und wissenschaftlich denken lassen, d.h. insbesondere die Annäherung an das Insgesamt des überhaupt Denkbaren und Beweisbaren, das so genannte Von Neumann-Universum V;19 in der Politik gilt es umgekehrt, so viele Möglichkeiten der Gemeinschaft wie möglich zu entfalten, was genauer besagt, dass die Widersprüche, und damit strittige Entscheidungsfragen bisheriger Gesellschaften durch avanciertere Formen getilt werden; was ihn ebenfalls in eine dialektische Idee der kommunistischen Gleichheit heranführt. Auch hier findet sich vor, dass die Wahl des Nicht-Wählens gewählt wird. Horkheimer und Badiou verbindet, dass sie dem Subjektivismus, der Willkür oder dem Denken nach Weltanschauungen entkommen wollen, dabei aber zugleich den Anspruch auf absolute Begründung fallen lassen, der noch in der neuzeitlichen Philosophie von Descartes zu Hegel bis Husserl existierte. Man mag als vermittelnde Instanzen für diese weit auseinanderliegenden linken Denker noch Althusser20 oder Marx anführen,21 welche ebenfalls die archaische Idee der Philosophie fallen ließen, absolut zu begründen, ebenso aber auch das Weltanschauliche und Subjektivistische vermieden haben. Insbesondere diese unmittelbar marxistische Tradition sah sich auch häufig genötigt, durch den Wandel ihres Ansatzes einzugestehen, dass sie gar nicht mehr philosophierten oder auch nicht an der Philosophie Interesse zeigten; unter solchen Kriterien betrachtet wäre aber Badiou auch kein Philosoph mehr. Das Prinzip der absoluten Begründung, welches aus der neuzeitlichen Philosophie her kommend in Heidegger weiterwirkt, ist gerade dasjenige, was dahin brachte, keine Wahrheiten und Trugbilder mehr voneinander unterscheiden zu können, also muss dieses Boot verlassen und der Weg der Axiomatisierung gewählt werden. Dieses Nicht-begründende, axiomatisierende Objektivseinwollen gibt es aber nicht nur unter Intellektuellen. Sie existiert als Figur in den linken politischen Strömungen der Industriegesellschaften schon lange und ist vielleicht älter als ihre buchstäbliche und bildungsbürgerliche Explikation bei irgendwelchen Philosophen. Viele Menschen sind, konfrontiert mit politischen Fragen ihrer Zeit über die Position hinaus, eine absolute, metaphyssische Begründung suchen zu wollen, obwohl sie gleichzeitig auch nicht ihre subjektive, private Willkür spielen lassen wollen, zu glauben was sie wollen (sie sind gegen Religion und für Wissenschaft), jemandem aufzudrängen, was sie wollen (sie sind für die Demokratie) oder jemanden zu bevorzugen, den sie wollen (sie sind gegen soziale Ungleichheit). Für sie existiert auch im übrigen das „Problem“ des Nihilismus gar nicht, zumindest nicht bei ihnen. Er existiert vielmehr bei denen, welche völlig selbstverständliche, neutrale Werte wie Gleichheit, Demokratie, Wissenschaft und Aufklärung über den Haufen werden. Und auch wenn viele Klimaaktivisten ihren Aktivismus aus der Religion begründen, durch eine Anhängerschaft an die klassische Philosophie oder gar einem (heidegger-ähnlichen) Existenzialismus, so ist diese Art der „nicht-philosophischen“ Begründung, der axiomatisierenden Begründung a la Horkheimer und Badiou doch im Zuge der Philosophiegeschichte die avancierteste.

Heidegger und Horkheimer divergierten in der Weimarer Zeit also nicht nur darin, dass sie sich in entgegengesetzten politischen Lagern wiederfanden. Die Weise der Situation zu begegnen war schon vollständig verschieden. Horkheimer fragt erst gar nicht weltanschaulich, oder er fragt zumindest nicht so tief wie Heidegger, er fragt umso Gründlicher nach Mitteln, also ob der Sowjetkommunismus wirklich zu Gleichheit und Demokratie führt, Werte, die er gar nicht in Frage stellt, weil sie objektiv sind. Und bei Horkheimer taucht auch die Frage des Idealismus gar nicht erst auf, weil für ihn ohnehin nur wissenschaftliche Fragen von Gewicht sind. Gemeinsam mit anderen Linken sah er (zumindest zu Beginn der 30er Jahre) nicht im Judentum, sondern im aufziehenden nationalsozialistischen Faschismus die Gefahr aller Gefahren, den möglichen Niedergang der Zivilisation und so den „Weltuntergang“, während er in der Arbeiterbewegung und der Sowjetunion eine mögliche Kraft erblickte, um diesen Niedergang aufzuhalten; wovon zumindest der erste Teil sicher richtig war, wie die Geschichte zeigte. Dieser „Entwurf“ einer bestimmten Zukunft agierte so (um Trawnys Worte zu gebrauchen) „handlungsermächtigend“, ja sogar „gewaltermächtigend“, indem die revolutionäre Abbremsung oder Aufhaltung des Niedergangs in die faschistische Barbarei legitimiert und anempfolen wurde. Heidegger wird seinerseits wohl Horkheimers Vorgehen für oberflächlich und seinsvergessen erachten, ähnlich wie er Spengler verurteilte; für ihn sind die inhaltlich-wissenschaftlichen Fragen, auch die ob der Verwirklichung von Gleichheit und Demokratie in der Sowjetrepublik völlig zweitrangig, alles versank für in ihn der Fraglichkeit. Heidegger und Horkheimer gehen aneinander völlig vorbei, die Divergenz ist absolut. Anders gesagt, ist aus der Sicht von Horkheimer, sowie einer hintergründigen progressiven Tradition vieler ähnlicher Gedanken von Marxisten die Fragwürdigkeit der fundamentalen, weltanschaulichen Fragen des Zeitalters doch außerordentlich fragwürdig. Dieses Aneinandervorbeigehen scheint auf keine gemeinsame Basis zuzuführen. Anders ist es bei Badiou, der eine umfassende Auseinandersetzung mit Heidegger vorlegen kann, aber aus dem selben Impuls von Marx, Althusser, Horkheimer und Ähnlichen denkt. Er setzt Heidegger mit seiner ontologischen Interpretation der Mengenlehre eine neue Art von nicht mehr wissender Philosophie entgegen, welche die Seinsfrage schlicht so entscheidet, dass „möglichst viel“ bewiesen, d.i. der subjektiven Willkür entzogen ist, sodass sich das Feld der Wissenschaft ausbreitet und sonst nichts. Anders gesagt, nimmt Badiou durchaus diese Situation der Angst und der Entscheidung ernst, vor der Sich Heidegger sieht, anderseits gibt es für ihn durchaus Kriterien, um diese Entscheidungen möglichst objektiv und unparteiisch zu fällen und sich gegen den Subjektivismus zu entscheiden, selbst dann, wenn es an sich unentscheidbare Sätze sind. Die Rätsel des Seins können durch den prometheischen, axiomatisierenden Willen der Menschen zur Objektivität überwiegend ausgelöscht werden, nämlich als Annäherung an das Absolute V, dem Insgesamt des Denkbaren und wird sich so der eigenen Zeit annähern. Dieses Entscheidenkönnen über unentscheidbare Sätze wird dabei über die neuzeitlichen Kriterien absoluter Gewissheit hinausgehen, zugleich aber die Willkür des Weltanschauunsdenkens vermeiden. Die weniger fundamentalen Fragen, die in der Politik und Wissenschaft existieren (etwa die nach der richtigen Wirtschaftstheorie, dem Zeitpunkt des Klimakollaps, bestimmter mathematischer Sachfragen, der Realisierbarkeit des Sozialismus durch diese oder jene Strategie, Revolution, Wirtschaftsweise usw.), sind dafür umso gewichtiger. Dass überhaupt dieser Weg gewählt wird, mündet dann aber auch darin, dass die weltanschaulichen Fragen leicht entschieden werden können, nämlich gegen den Faschismus, gegen die Religion, für die Wissenschaft, die Gleichheit und die Demokratie, wie es Badiou auch während seiner Kindheit unter deutscher Besatzung, in welcher er gegen die Nazis kämpfte, und dann während 68 zugunsten des Maoismus tat.

Es ist noch mal Heidegger zurückzukommen, im Licht dieser möglichen Alternative durch Horkheimer und Badiou. Heidegger steht diesen einfachen, fraglosen „Parteinahmen“ der Sozialisten, Demokraten, Stalinisten und Maoisten, die eine bessere, weniger unmenschliche Welt bauen wollten gegenüber, ein einsamer, dann von fanatischen Anhängern umgebener Baum inmitten des 20. Jahrhunderts, und fragt entsprechend weiter, die Weltanschauungen kritisch aussondern, trennend und ihrer Versuchung überwiegend wiederstehend, dann wieder in die „entschlossene“ Willkür des faschistischen Trugbildes ausscherend, dass er von den Wegen der Aufklärung und des Humanismus nicht unterscheiden konnte. Er kann die Fragen nicht auflösen, und findet im gerade in diesem Fragen seine innere Antwort. Deutlich ist: Der Ansatz der „Seinsfrage“ macht diese Dinge – Faschismus oder Kommunismus, Meinung oder Wissenschaft zu etwas, was schwer zu beantworten und zu ergründen ist, obwohl sie es für die anderen nicht sind; oder zu etwas, was subjektiv „entschieden“ werden muss, obwohl eigentlich klar ist, wohin es ausfallen muss, wenn man nicht willkürlich, parteiisch oder subjektiv sein will. Die Entscheidung, ob Deutsche über allen stehen und die Welt beherrschen sollen, oder alle Menschen gleich sind; ob die Bundesrepublik oder die nationalsozialistische Gewaltherrschaft gleich übel ist, kann nur aus einer sehr seinsgeschichtlichen Perspektive als eine ernsthafte, nicht triviale Entscheidung angesehen werden, und eben jene Perspektive nimmt Heidegger ein. Andere „stoffliche“ oder „pragmatische“ Fragen hingegen, wie etwa die der Möglichkeit, die kapitalistische Welt zu überwinden, ab welchem Punkt es zum Kollaps der Ökosysteme kommt, und die sich vielleicht auch für uns heute stellen, sind für Heidegger dagegen sekundär. Und so ist klar, dass die von Heidegger (und Trawny) eingenommene Perspektive und Frage, wenn sie nicht um weitere Momente ergänzt wird, wie sie bei Sarte, Marcuse oder Badiou zu sehen sind, eine ganz bestimmte Funktion in der Gesellschaft hat, mag er sich diese eingestehen, reflektieren oder auch nicht, nämlich die, emanzipative Bestrebungen zu neutralisieren und Verbrechen zu überdecken, zuletzt, Trugbilder zu ermöglichen.

4. Die Geschichte nach Heidegger bis in die Postmoderne

Wir wissen alle, wie diese Geschichte weitergeht. Das „kurze“ 20. Jahrhundert entwickelte sich, nachdem der Faschismus in Italien, Deutschland und Japan besiegt worden war, zu einer „weltanschaulichen“ Auseinandersetzung zwischen Ost und West fort. Sie beide bemühten sich um eine Abgrenzung gegen den Faschismus, der in seinem Inhumanismus eindeutig falsch war, und sahen beide vor, der Menschheit auf ihre je eigene Weise eine Zukunft zu bieten. Diese Debatte war hinsichtlich der „Fundamente“ der Werte viel oberflächlicher, viel weniger heideggerianisch, weil der Humanismus, die Wissenschaft, Aufklärung und die Gleichheit aller Menschen gar nicht mehr zur Debatte stand, hinsichtlich der damit verbundenen Fragen nach den Wegen und Mitteln hingegen deutlich umfangreicher. Die Grundfrage, ob es soziale Gleichheit geben sollte oder nicht, blieb als „weltanschauliche“ bestehen, wenngleich sie auch von der Frage der Umsetzbarkeit eingeholt und relativiert wurde. Horkheimer etwa fand zum okzidentalen Bündnis, nicht weil er an der Gleichheit als Wert zweifelte, wohl aber am sowjetischen oder überhaupt revolutionären Weg, sie zu realisieren. Daher mag es auch sein, dass die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auch etwas weniger ideologisch und dafür pragmatischer oder technischer in ihren Fragen war. Als Ausweg aus dem Zwist dieser Großmächte festigte sich dann aber etwas, was man freimütig als Nachkriegsheideggerianismus bezeichnen könnte, also einer Art späte, nach Heideggers Tod nicht abbrechende Begeisterung für Heidegger, welche aus unterschiedlichen politischen Blickwinkeln her Heidegger für sich entdeckte. Links- Rechts und „Zentrumsheideggerianer“ konnten je etwas in ihm für sich entdecken. Natürlich war Heidegger trotz der Begeisterung von allen Seiten aber nicht unpolitisch oder indifferent. Der Humanismusbrief agierte etwa als intellektueller Impuls, durch welchen eine Ablösung von eben jenen gemeinsamen humanistischen Werten gerechtfertigt wurde, die in West und Ost dominierten. Ebenso fand man in der Technikkritik und der Wissenschaftskritik einen Referenzpunkt, welcher über die beiderseits unhinterfragten Werte von Ost und West hinauswies, und so auch die 68er und die neue Linke begeistern konnte, welche sich ja in gleicher Weise gegen den Westen wie das Sowjetimperium positionierten. Heidegger stellte weiterhin Dinge in Frage, die viele nicht in Frage stellten und war so ein Sammelpunkt für ausscherende Geister, die sich gegen die Vereinnahmung durch Ost und West wehren wollten. Dieser Nachkriegsheideggerianismus führte nahtlos in die sogennante „Postmoderne“ über, also jener Periode der Zeit, in welcher die Anziehungskraft des Sowjetkommunismus mit dem Verblassen der Erinnerung an den durch den Kapitalismus verursachten ersten Weltkrieg verschwand und sich zunehmend auf der ganzen Erde eine allgemeine Orientierungslosigkeit ausbreitete. Diese „Postmoderne“ mag man beliebig eher mit Heidegger, Foucault, Levinas oder Derrida in Verbindung bringen, Tatsache ist, dass Heidegger innerhalb jener diffusen und unübersichtlichen Bewegung einen wesentlichen Impuls bildete und sich durch immer wieder neue Anknüpfungen popularisierte und posthum fortentwickelte. Das mag vor allem in Rücksicht auf die Entstehung von Heideggers Denken verwundern, jener von ideologischen Kämpfen nach dem ersten Weltkrieg geprägten Zeit, die im äußersten Kontrast zu dieser von Orientierungslosigkeit und Gleichgültigkeit geprägten Ära rings um das Ende des Sowjetkommunismus. Gab es in der Weimarer Zeit zu viel an Sinn, gab es nun zu wenig. Hier zeigt aber wieder die universelle Applizierbarkeit von Heideggers Philosophie im 20. Jahrhundert und auch darüber hinaus, sie trifft sowohl das dezisionistische, totalitäre Moment der Entscheidung (Heidegger während der Nazizeit), den Zwist zwischen den verschiedenen Möglichkeiten (Heidegger während der Weimarer Republik), sowie der Moment, der jenseits und diesseits der Weltanschauungen steht und damit den Moment vor aller Entscheidung, also das Eingelassensein im Abgrund begreift, der eher reaktionär ist und über allem schweben will (Postmoderne). Im Nachhinein ist aber sichbar, dass diese postmoderne Ära, deren Ursprünge aus 68 nicht geleugnet werden können, vielleicht gar nicht so „diffus“ weltanschauungslos war, wie gerne behauptet wird, sondern dass sie in einer Fusion von Liberalismus und den Kulturideen von 68 durchaus ihre Werte, Normen und Überzeugungen hegte. Sie verbirgt das, was im Gespräch nach Trawnys Vortrag die unsichtbare, (sich nach den Weltkriegen neu formierende) kapitalistische oder neoliberale Weltanschauung genannt worden ist. Die Postmoderne verstand sich aber gerne daraus, sämtliche Bestimmtheit, Orientierung und Richtung überwunden zu haben, von denen fatal die traumatisierende Ost-West-Nukleardrohung auszugehen schien, wofür Heidegger und viele andere Denker das nötige ideologische Beiwerk lieferten. Man wollte sich nicht eingestehen, dass es einfach eine Ideologie des obsiegenden Westens und Liberalismus war.

Eben diese postmoderne Zeit jenseits und diesseits der Weltanschauungen, jenseits von Politik und Wissenschaft ist es nun, in welche die prototypischen Babyboomer und damit auch der späte Babyboomer Trawny hineingewachsen sind. Vor allem bei den älteren Baby-Boomern der Jahrgänge 1940-1955 hat es durchaus in unterschiedlichem Maße Engagement und Erfahrung jener „ideologischen“ Kämpfe gegeben, also etwa in den verschiedenen K-Gruppen, mit dem Nachlassen der Politisierung während der 70er Jahre, dann umso mehr nach dem Mauerfall verschwanden diese nach Sinn und Verstand ausgerichtete Lebensformen aber merklich, meistens in verschiedenen Figuren der Selbst-Infragestellung der eigenen „weltanschaulichen“ oder „autoritären“ Grundüberzeugungen. Es ist nicht schwer zu ermessen, dass diese Ablösung auch deswegen geschehen ist, weil das ursprüngliche Trauma, welches überhaupt in diese „weltanschaulichen“ Prozesse wie den Sozialismus getrieben hatte, nämlich der erste Weltkrieg, für diese späteren Generationen nicht mehr greifbar war. Greifbar war für sie nur der – in Europa praktisch nur ideologische, im Rest der Welt blutrünstige – Kampf zwischen Ost und West, der sich aber für alle als nukleare Bedrohung zeigte, von diesem sind sie traumatisiert. Die Gefahr des Nuklearkriegs scheint den tiefsten Eindruck hinterlassen zu haben, der aber anders als die heutige Katastrophe immer nur als abstrakte Möglichkeit gegeben war, nach der gar nichts mehr war, nicht als aufziehende Wirklichkeit, nach welcher ein elendes, schlechtes Leben garantiert wäre, wie die Klimakrise. Die Boomer sind also von den Maßnahmen (der nuklear bewaffnete Ost-West-Konflikt) gegen ein Trauma verwundet, welches sie selbst gar nicht erlebten (der erste Weltkrieg, der zweite), wobei klar ist, dass jenes ursprüngliche Trauma (die Weltkriege), welches aus der kapitalistischen Welt entsprang, viel übler war als die zur Überwindung angesetzten „weltanschaulichen“ Kämpfe und den zuletzt nur abstrakten Nuklearkrieg. Trawny mag auch, in unterschiedlichem Maße, in solche politischen Prozesse verwickelt gewesen sein und sich entsprechend wie viele andere Boomer aus ihnen herausgelöst haben, seine Bemerkungen scheinen eher darauf hinzudeuten, dass es nicht der Fall war. Die Boomer fielen aber aus dem „weltanschaulichen Denken“ früher oder später heraus, spätestens mit ihrem Etabliertsein in das bürgerliche Leben, nach dem Mauerfall wurden sie zur bedeutendsten Schicht im Berufsleben der Bundesrepublik und auch überall sonst. Tatsache aber ist, dass diese postmoderne Lebenseinstellung, vor allem bei den Bildungsbürgern durch Heidegger, Derrida, Levinas, Foucault und Ähnliche unterfüttert wurde, und gerade jenen späten Tod der Weltanschauung und damit eine Art „späten Sieg“ eines Aspekts von Heideggers Denken, nämlich das des Seins vor der Entscheidung oder der Gründung einer neuen Bedeutungswelt realisierte. Die Welt zerstob in diffenzielle politische Splittergruppen ohne Anspruch, das politische System zu ändern, zersplitterte wissenschaftliche Fachdisziplinen ohne Übersicht gebende Zentren, ein Meer aus Meinungen praktischer und theoretischer Natur, dazwischen die Ströme des Kapitals, die sich durch den Niedergang des Marxismus und seiner ökonomischen Grundlagen jenseits der wissenschaftlichen Beschreibbarkeit und politischer Alternative fortführten, eine unberechenbare und verwilderte Natur. In der Welt der Postmoderne ist der Unterschied von Meinung und Wissen, richtiger und falscher Politik, Wahrheiten und Trugbildern definitiv eingeebnet, es ist eine platonische Schattenwelt. In genau diese postmoderne Welt sind dann die Angehörigen meiner Generation hineingeboren worden, meist gerade von Eltern aus dem Baby-Boomer-Jahrgang.

5. Die Gegenwart und Störung der „postmodernen“ Ordnung

Und dort stehen wir nun, und Trawny fragt sich, ob sich nicht etwas geändert hätte. Ob nicht die Weltanschauung wieder da ist und nach dem Vorbild Heideggers durchdacht werden muss, ja ob es nicht angemessen wäre, wieder eine Weltanschauung an den Tag zu legen. Was tritt in die Welt ein? Was stört die Ruhe? Auch die Antwort auf diese Frage ist, so wäre die inhärente Logik Heideggers (und wohl auch Trawnys), wieder eine weltanschauliche. Was sagt denn diese „Weltanschauung“ in die wir hineingeraten, was liegt anschaulich, wissenschaftlich, politisch vor Augen? Es ist der Klimawandel, der auf die Erderwärmung von 3,0 Grad zusteuert, wodurch an die 3 Milliarden Menschen umgesiedelt werden müssen; es ist der aufziehende Faschismus, der in diesem Jahr noch eine Autokratie in der größten Demokratie mit dem größten Militär der Welt errichten will, es ist zuletzt die realistische Prognose, dass der Klimawandel den Faschismus und der Faschismus den Klimawandel verstärken und verabsolutieren wird. Die Katastrophe, auf die wir zusteuern, ist mit dem ersten Weltkrieg oder der faschistischen Gefahr in der Weimarer Republik nicht nur vergleichbar, ja sie ist (wenn auch hierfür die klaren und gemeinschaftlichen Vergleichsmaßstäbe erst konkretisiert werden müssten) hinsichtlich der Zerstörung viel schlimmer, auch weil diese Gefahr, vor allem beim Klimawandel selbst so unanschaulich ist und niemand etwas tut. Kein Krieg der Welt, auch nicht der Sklavenhandel oder andere große Verbrechen hat bisher so vielen Menschen, Tieren und Pflanzen die Heimat zerstört, wie es der Klimawandel tun wird; und es wird über diese Schäden hinaus auch alles übrige der Zivilisation treffen. Die bürgerliche Welt steuert ein weiteres Mal auf ihren vollständigen Kollaps zu, so langsam aber, dass wir es kaum begreifen vermögen. Und wenn es auch wahr ist, dass der Nuklearkrieg nicht ausbrach, so war dieser stets immer nur eine Möglichkeit, während die Klimakatastrophe in unserem gegenwärtigen Szenerio in 50 Jahren Wirklichkeit ist und immer stärker und wirklicher wird. Aber natürlich würde gegen das, was die Letzte Generation vor den Klimakippunkten mit ihrer Annahme eines kommenden Niedergangs sagen würde, Heidegger einwenden, sogar insbesondere deswegen, weil sie von sich meinen, objektiv zu sein, und, wie es sein Schüler Trawny nahelegt, findet sich jene Nachwirkung seines Denkens auch vor. Ja, ähnlich wie Heidegger gegen Spengler und seine apokalyptische Prognose des Untergangs des Abendlandes einwandte, dass selbst in dieser pessimistischen Vision eines absehbaren Untergangs und eines Übergangs in den Cäsarismus eine Sicherheit liegt, und die Wahrheit hingegen die völlige apokalyptische Kontingenz und der Vorlauf in den Tod ist, der sich Spengler in der unterstellten Suche nach Sicherheit entziehen will. Und ähnlich hält natürlich Trawny der Letzten Generation vor den Klimakipppunkten vor, dass diese Klima-Wissenschaft ja nun doch auch nicht so sicher sei, nicht so „weltanschauungslos“ und „wissenschaftlich“ wie sie meinen würden, dass hier die Gefahr der Ideologie versteckt sei. Ja, gerade diese Gewissheit, die durch das naturwissenschaftliche Vorhersehen der Zukunft suggeriert sei, jenes Gefühl der Klarheit berge am deutlichsten das „Weltanschauliche“, es fehlt in Trawnys Intervention gegenüber Heidegger nur am weiteren Fortgang zur absoluten und totalen Apokalyptik des Vorlaufs in den Tod. Trawny ähnelt darin (auch wenn es dort unvergleichlich viel gravierender daneben geht), den wissenschafts- und ökologiekrititschen Ausführungen Schönherr-Manns, der etwas älter ist, aber ebenfalls, wenn nicht noch mehr, einen solchen „postmodernen“ Hintergrund hat, dieser spricht unmittelbar von der Ereignis-haften Natur, die nicht berechenbar sei. Sie wollen beide diese diffuse Postmoderne der jüngeren Vergangenheit nicht verlassen, in die unter anderem auch Heidegger selbst hineingeführt hat, jene Rätselhaftigkeit und Offenheit der Zukunft, das Sicheinrichten und Eingelassensein im rätselhaften, wolkigen „Abgrund“. So wie Heidegger will Trawny, vor die Gewalt der Zeit, ihrer Entscheidung und Geschichte gestellt, in die tiefe Fraglichkeit hinabsteigen oder in ihr verharren, in die allgemeine Bedenklichkeit und Nachdenklichkeit übergleiten und präsentiert diese in sienem Vortrag über die heutige Zeit. Offen bleibt ihm dann zuletzt auch, ob nicht, wie Heidegger es dann auch im Nationalsozalismus tat, aus diesem Nachsinnen irgendwann heraus eine weltanschauliche Entscheidung getroffen werden muss – worin auch immer sie dann ausfallen mag. Von der Macht der Weltanschauung, die Welt zu ändern, ist Trawny nicht anders als Heidegger überzeugt. Wenn Trawny also doch darüber nachdenkt, dass man diese Rätselhaftigkeit des Seins lichten und zum Seienden übergehen könnte, so in der Form der Annahme einer Weltanschauung, also einer Dezision. Obwohl an diesem ganzen Weltanschauungs-Grundansatz, wie die obigen Ausführungen ja untermauern, bereits ein tiefer Fehler liegt, so muss diese Offenheit gegenüber einer Dezision zur Annahme einer Weltanschauung, welche die Welt ändern könnte und möglicherweise auch sollte, Trawny gegenüber Schönherr-Mann unbedingt zugute gehalten werden. Trawny sieht, nicht unähnlich Heidegger, dass es manchmal nötig ist, eine Entscheidung zu treffen und eine „Weltanschauung“ mit samt ihrer „Apokalyptik“ aufzunehmen. Aber er hätte wie Heidegger keine Gründe, zwischen der ökologischen Sache und den wahnhaften Klimaleugnern zu unterscheiden.

Was kann uns aber Geschichte von Heideggers Seinsfrage, dem ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik für die Gegenwart beibringen? Was ist aus dem Ansatz einer Widerholung jener Geste zu verstehen? Was bedeutet heute Heidegger für uns, oder auch jenes weltanschauliche Fragen, dass viel größer, älter und anhaltender als Heidegger selbst, seine Wortwahl, seine Schüler und sein Erbe ist? Wie lässt sich nun jene Frage nach dem Wiederaufkommen und nicht-Wiederaufkommen der Weltanschauung einschätzen, welche in Trawnys Vortrag angetroffen werden kann? Es ist deutlich, dass diese äußerste Divergenz, welche zwischen Horkheimer und Heidegger historisch vorlag, heute nicht geringer wäre; wenn Trawny als der Widerholung Heideggers eine Widerholung Horkheimers gegenüber stünde, würden sie nicht weniger aneinander vorbeireden. Bei Badiou sähe die Sache etwas anders aus, der dieses tiefe Fragen Heideggers ernst nimmt, aber dann aber bewusst axiomatisierend zu überwinden versucht. Glückerweise lebt und arbeitet heute Badiou noch, und ebenso existiert heute auch die Liminal-Philosophie, sodass es gar nicht der Phantasie bedarf, um sich eine solche Begegnung vorzustellen. Sie findet in dieser Response bereits statt, die sich insofern als Auseinanderlegung der Problematik und Entscheidung in eine bestimmte Richtung verstehen lässt. Sie wird versuchen, aus der „Weltanschauung“ und dem „Standpunkt“ der Klimaaktivisten neben anderen, als welche Trawny diese versteht und als welche er sich vor eine Entscheidung gestellt sieht, die eher ablehnend wirkt, etwas anderes zu machen eben dies. Das mag als Einwand gegen Trawny und seine eingängie Frage ob es denn zur Rückkehr der Weltanschauung gekommen sei zu werten sein, ebenso aber auch gegen mögliche andere Denker die ähnlich fragen oder mit einem ähnlichen weltanschaulichen Relativismus an die Sache herangehen.

Was ist dem also entgegenzuhalten, aus dem Geiste Horkheimers und Badious? Schon die Fragestellung nach den Weltanschauungen von heute, die Auffassung der Umweltfrage als einer weltanschaulichen Frage trägt den Keim des Problems in sich. Die Verantwortungslosigkeit, die Gleichgültigkeit, die Zerstörung des Lebens, des Wohlstandes und der Heimat der Menschen im global south baut gerade auf der nützlichen, verfänglichen Illusion auf, dass man all diese Dinge nicht so gut wisse und dass alles so rätselhaft, unentscheidbar und schwer zu verstehen sei. Denn Unwissen und Fraglichkeit, und dies ist gerade das, welches Heideggers Denken wie ein Nebelwerfer hervorbringt, bedeutet im Kern Verantwortungslosigkeit und Ausblendung der Realität. Sie impliziert die Einebnung aller konkreten und abwendbaren Katastrophen eine allgemeine und abstrakte Katastrophik, die jenseits und diesseits der wissenschaftlichen Erfassbarkeit und Beherrschbarkeit liegt, wodurch sie zugleich mit dem Alltag zusammengeworfen und damit banalisiert wird. Es ist ein Weg von vielen zur Untermauerung des postmodernen Zustandes, dass es nur Meinungen und Trugbilder gibt und sich damit das Weltgeschehen unserer Macht und Verantwortung entzieht. Dasselbe gilt nicht weniger für die Idee, dass Klimaforschung, die Wissenschaften überhaupt, zusammmen mit ganz grundlegenden Werten wie Demokratie und Gleichheit etwas fragliches und ungewisses seien. Heute ist das Versinken in Fraglichkeit nicht nur in der Wissenschaft und damit in der Frage des Umfangs der menschlichen Verantwortung, sondern insgesamt ideologisch geworden, wenn auch die Wertegrundlage in einen Strom des Fragens versinkt. Demokratie, Gleichheit sind keine besonders fraglichen Werte, und je stärker sie mit Füßen getreten werden, auch gerade unter dem Deckmantel davon, dass demokratische, westliche Staaten sie durch die Zerstörung der Lebensgrundlagen der Menschen im global south mit Füßen treten, desto verdächtiger ist es, der Tiefe des Fragens weiter zu folgen. Bedeutet Demokratie, dass Menschen über die Gesetze bestimmen dürfen, die sie beherrschen, so ist der Klimawandel der größte Anschlag auf die Demokratie seit dem Beginn der Industriegesellschaft. Die Politik der Industirestaaten, locker kontrolliert durch lokal begrenzte Wahlen und Abstimmungen, bestimmt nun darüber, ob im globalen Süden halbe Kontinente zerstört und unbewohnbar gemacht werden, Gebiete, wo Menschen wie wir alle leben. Allein die abstrakte Natur der Kausalverknüpfungen ist es zu schulden, dass die Treibhausemissionen nicht als Kriegshandlungen gegen den globalen Süden gewertet werden. Diese wissenschaftliche, aber unanschauliche Evidenz muss mit härtesten Mitteln getrübt werden. Je bedrohter die Werte sind, desto deutlicher scheinen sie auf, und desto stärker müssen die relativierenden philosophischen Betäubungsmittel sein, um sie übersehen. Bei einer bloß oberflächlichen, eben gerade nicht allzu tiefgründigen Betrachtung ist es offensichtlich, dass wir seit 50 Jahren darum wissen und die Verantwortung dafür tragen, was geschieht, dass niemand etwas dagegen tut, dass alle Staaten das 1,5 Grad Ziel verfehlen und sich an der Zerstörung der Heimat von Milliarden Menschen mitschuldig gemacht haben; und sobald nun weiter nach den Gründen gefragt wird, zeigt sich schnell die kapitalistische Wirtschaft und das politische System der Nationalstaaten als das Hauptproblem, welche durch die Androhung von polizeilicher und militärischer Gewalt ihren Fortbestand sichern, gestützt und unterstützt durch eine Glocke an ablenkendem Infotainment und philosophischer Ideologie, die unterschiedlich ausgearbeitet sein mag. Die Vorstellung, dass alle diese Dinge so schwer zu erkennen und zu wissen sind, sticht dabei als philosophische Ideologie deutlich hervor, die auch hier wieder die Funktion hat, Trugbilder zu erzeugen oder Trugbilder und Wahrheiten gleichzusetzen, somit reaktionäre Verhältnisse herbeizuführen. Heidegger und die Postmoderne, das sind verschiedene ideologische Register der jüngeren Vergangenheit, welche zur Stütze dieser Schwierigkeit immer wieder herangezogen werden können. Das Fundament der Wissenschaft, um all das zu verstehen, ist weder besonders komplex noch auf wackeliger Grundlage, es genügt im Grunde die Physik von Galliei und Newton, die im 19. Jahrhundert entwickelte Chemie; alles Wissenschaften, die ihre praktische und prognostische Tauglichkeit lange bewiesen haben. Sie mit der biologischen Rassenlehre oder dem historischen Materialismus zu vergleichen, die geisteswissenschaftliche und somit notwendig inexakte und subjektive Zusätze haben, oder auch ihre Interpretationsnotwendigkeit hervorzuheben, wie es Trawny tut, ist eine einzige epistemologische Blendgarante. Die Wissenschaft steht nicht im Widerspruch zur Demokratie, sondern die Ignoranz derselben für die Wirkungen unserer demokratischen Entscheidungen steht im absoluten Widerspruch zur Demokratie. Nur vor dem Hintergrund, dass diese Fernwirkungen in Raum und Zeit berücksicht werden, kann überhaupt eine sinnvolle demokratische Entscheidung vollzogen werden, sowohl um zu ermessen, wer alles in die Entscheidung involviert werden muss, was der Rahmen ihrer Wirkung sein muss über was abgestimmt werden muss. Nur unter der Ausblendung der Fernwirkungen kann der heutige Umgang mit Klimagesetzgebung als „demokratisch“ bezeichnet werden. Nur unter der Miteinbeziehung der temporal und räumlich erstreckten Wenn-Dann-Ketten, welche die Klimaforschung aufdeckt, kann heutige Demokratie funktionieren und wird dann vielleicht feststellen, dass sie keine nationale Angelegenheit mehr sein kann. Die Vorstellung, dass man „der Wissenschaft“ die Macht geben könnte oder wollte, wie Trawny wähnt, ist so absurd wie irreführend. Gerade die Letzte Generation möchte doch einen Gesellschaftsrat bilden – so doch also eine demokratische Einrichtung zur Bestimmung des Schicksals der Gemeinschaft.

Ich möchte hier direkt an Malm anknüpfen, der die Gefährlichkeit der postmodernen Ideologie für die ökologische Frage herausgestellt hat, wenn auch nur an einigen konkreten epistemologischen Fragen.22 Auch Trawny und der sein Heideggerianismus fungiert hier in einer ähnlichen, vernebelnden Funktion und unterstreicht überdeutlich: Wir müssen raus aus dieser Postmoderne, wir müssen raus aus dem Denken der Weltanschauungen und der Relativierung von Wissenschaft und den praktisch-ethischen Mindeststandards unserer Zivilisation. Diese Forderung setzt natürlich schon wieder voraus, worauf sie hinauswill, nämlich, dass man außerhalb der Fraglichkeit steht und einen äußeren Maßstab für die Realität und Objektivität setzt. Die Legitimität für diese Bewegung lässt sich aber insbesondere durch das Modell der Axiomatisierung bei Badiou auf eine solche Weise ausformulieren, dass der von Heidegger entdeckten Unentscheidbarkeit nicht mehr ausgewichen wird, vielmehr wird nach dem Vorbild der Mathematik durch das Forcing das Unentschiedene axiomatisch entschieden: Es gibt, auch wenn es uns in einem bestimmten Moment nicht klar sein mag, eine Entscheidung darüber, ob die Wissenschaften gelten oder nicht, und ebenso gibt es auch eine Entscheidung darüber, welche Werte, d.i. Demokratie und Gleichheit gelten oder nicht; und entschieden wird zugusten der maximalen Möglichkeit der Objektivität. Das Antidot gegen die Postmoderne, gegen das Versinken des Gegensatzes von Meinung und Wissen, Religion und Aufklärung ist ein Schuss Platonismus, das erklärt auch den Trend zum Neo-Platonisten Badiou; nur dass dieser heute, in diesem postmetaphysischen Zeitalter nur durch eine axiomatische Entscheidung und nicht etwa durch eine höhere Wissenschaft zu rechtfertigen ist. Tatsächlich führt der neuzeitliche Anspruch absoluter Gewisheit und Begründung in diese postmoderne, diffuse Masse, nur die Axiomatisierung ist ein echter Ausweg; wobei hier hinzufügen wäre, dass die Axiome, welche die Klimaforschung ermöglichen, dieselben sind, welche überhaupt die kapitalistische Wirtschaft antreiben, die Kritik der Gesellschaft gegen ihre eigene Wirkung ist also schlechthin immanent. Und Heidegger kann durchaus, wenn unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, als wichtiger Vordenker dafür gelten, wie das Entstehen von festen Konturen, die dezisionistische Emergenz des Seienden aus dem Sein aussehen mag, nur bedarf es eben der Ergänzung um die Ideen von Badiou, um die Richtung des Umschlagens von der Gefahr der Willkür und der Gefahr des Trugbildes zu befreien. Das mag den von Malm entwickelten, meist auf politisch-aktivistischer Grundlage argumentierenden Ausführungen eine neue Legitimität geben, um die Postmoderne zu verlassen. Klar ist aber auch: Die Postmoderne war von Beginn an eine riesige Selbsttäuschung, wenn der Klimawandel betrachtet wird, der ungefähr so lange bekannt ist, wie der Kommunismus in sich zusammenbrach; und nicht nur das, selbst wenn vom Klimawandel abstrahiert wird, war diese gedankliche Strömung, mag sie von Heidegger, Derrida, Foucault oder sonst wem her gedacht werden, durch ihre Obsession für Sprache und der Überwindung der materialistischen Metaphysik, durch ihre Verleugnung un ihrer westlich-liberalistischen und kapitalistischen Gesinnung ideologisch. Ist dieser Schleier einmal zerrissen, wird also deutlich, in welcher tiefen und umfassenden Katastrophe wir uns eigentlich befinden: Wir sind in das 3,0-Grad-Szenario geworfen, um es in Heideggers Sprache zu sagen, und zwar genauer, wir sind von der in den letzten 50 Jahren herrschenden, wissenden und verantwortlichen Oberschicht und die allgemeinen Strukturen unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Geopolitik in dieses Szenario geworfen worden. Sie zerstören die Heimat von Milliarden, systematisch, aus bloßer Gleichgültigkeit. Das ist das, was die Klimaaktivisten mit sich führen, und die auf eine Abänderung der Treibgausemissionen dringen, damit diese faktischen Kriegshandlungen, diese über Zeit und Raum hinweggehenden Verletzungen des Demokratie- und Gleichheitsprinzips endlich aufhören. Ihnen gegenüber stehen diejenigen, welche als Klima-Negationisten den Wissenschaften nicht glauben und welche entsprechend auch die Maßnahmen verteufeln, vielleicht gar eine Verschwörung wittern. Sie leben in einer anderen, ideologischen, mithilfe von gemeinsamen Axiomen widerlegbar falschen Welt; dazwischen die breite Mehrheit an verschiedenen Klima-Quietisten, welche zwar nicht explizit die Wissenschaft verwerfen, aber doch an der ganzen Lebensweise nichts ändern wollen. Trawny steht irgendwo zwischen den Quietisten und Negationisten.

Wenn einmal die fundamentalen Fragen axiomatisch entschieden sind, und diese allgemeine Weltlage einmal wirklich vor Augen geführt wird, – ist damit nun eine Weltanschauung gegeben? Sind wir damit, in nach den Begriffen von Dilthey, Heidegger und Trawny in einer Art sinnerfüllten Welt? Gibt es durch das Ansehen dieses Szenarios, welches die Klimaaktivisten symbolisieren, nun eine Wiederkehr der Weltanschauung, sodass man Trawny recht geben müsste? Selbst wenn man unter „Weltanschauung“ auch eine axiomatisiernden Versuch verstünde, sich nach objektiven Werten auszugeben, ist diese Frage (tatsächlich) nicht leicht mit ja oder nein zu beantworten. Sicherlich gibt es eine Widerkehr ideologischer Kämpfe, des Faschismus, mancher stalinistischer und maoistischer Gruppen in westlichen Industrienationen, und vielleicht gibt es auch bei den Klimaaktivisten manche, welche auf ähnliche Weise das Gefühl haben, in ein sinnerfülltes Weltbild, einen echten, eindeutigen Auftrag zur Verbesserung der Welt eingebunden zu sein. Darf man ihnen aber die Kraft jener Weltanschauungen zusprechen, welche im 20. Jahrhundert versuchten, die Krise der Menschheit aus dem ersten Weltkrieg zu entscheiden? Sind sie so wie der Nationalsozialismus sich selbst als weltanschaulich deklarierende Bewegungen, sind sie wie der Stalinismus mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit auftretend? Hier kommen Zweifel auf, und das auch nicht ohne Grund. Wenn es denn richtig ist, dass der Abgrund an Unmenschlichkeit und Zerstörung, vor dem wir in der Klimakrise stehen, mit dem ersten Weltkrieg vergleichbar ist, so ist doch zugleich klar, dass es keine sinnerfüllende und auflösende politische Bewegungen gibt, welche nur im Entferntesten mit dem Status des Leninismus vergleichbar sind, der 1918 ereignishaft aufschien. Es gibt heute noch keine politische Bewegung, welche eine glaubwürdige Reaktion auf die Klimakrise vollziehen würde. Und entsprechend fehlt es auch an politischen Bewegungen, welche sich einer solchen neuen Idee entgegenstellen würden. Nein, die Überbleibsel an marxistischen, etwa trotzkistischen, maoistischen und stalinistischen Gruppen, welche heute wieder aufzuleben beginnen und anscheinend radikal systemkritisch sind, ähneln eher den sozialdemokratischen Kräften und Gewerkschaften aus dem ersten Weltkrieg, welche in die Gewalt einstimmten und sich damit selbst ebenfalls kompromittierten. Wir wissen alle genau, dass der Realsozialismus ökologisch sogar noch destruktiver war als der Kapitalismus. Es ähnelt also eher dem ersten Weltkrieg bevor Lenin auftauchte, der Zeit des sinnlosen Massakers in den europäischen Schützengräben, ein Massaker freilich, welches diesmal unanschaulich eher in der Zukunft des globalen Südens stattfindet. Es gibt noch keine praktisch-politische Orientierung, keinen politischen Entwurf auch wenn klar ist, dass Demokratie und Gleichheit als Wert so weit es möglich ist verfochten werden müssen. Das bedeutet aber nicht, dass alles jetzt zu recht in jener Rätselhaftigkeit der Seinsfrage versinkt, denn andererseits ist die theoretische Seite der Philosophie, also die Anschauung der Faktenlage, dass wir in diese Situation geworfen worden sind, klar und eindeutig. Die Wissenschaft fallen zu lassen (wie Trawny es vollzieht) ist eine unaufrichtige Form der Verrätselung der Lage, andereseits ist die Annahme einer politischen Lösung der Sachlage, das andere Extrem (im wiederaufkommenden Stalinismus, Maoismus u.ä.), eine unaufrichtige, tatsächlich weltanschauliche Vereinfachung der Lage. Der heutige Klimaaktivismus, wie er auch etwa von der letzten Generation vor den Klimakipppunkten vertreten wird, ist außer in der Klimaforschung nicht umsonst sehr sparsam in theoretischen Deutungen über die Gesellschaft und Ökonomie und erst recht praktischen Imperativen; denn tatsächlich gibt es noch keine echte Zukunftsvision, sondern nur das Verstehen der Faktenlage des 21. Jahrhunderts, mit dem Rücken zur Wand. Der Klimaaktivismus ist nicht nur deswegen nicht „weltanschaulich“, weil er auf Basis von Axiomen in Wissenschaft und Politik geschieht, die objektiv sind (Klimaforschung, Demokratie, Gleichheit), sondern er ist auch insofern nicht weltanschaulich, weil (zumindest wenn er nicht verblendet ist) aufrichtigerweise keinerlei positiven, praktischen Entwurf der Zukunft hat und insofern keine klare Orientierung gibt. Was ihn antreibt, ist das Aufdecken dieser Lage, ein unendlicher Prozess, auf eine schwache Hoffnung hin, dass es, wie sie sagen, bald einen sozialen Kipppunkt geben könnte, oder, in den Worten Heideggers oder Badiou, ein Ereignis, in dem sich die Gesellschaft urplötzlich ändert. Es ist ein Wetten auf die Macht und Kontigenz der Geschichte, weil der Sinn und die Orientierung durch eine politische Antwort noch ausbleibt und doch dringend gesucht wird. Die Liminal-Philosophie, insbesondere im ersten Teil, welche ich im Zuge der Exposition dieser Weltlage und des Aktivismus von mir ersonnen worden ist, versucht dieser Gesinnung eine klare Kontur zu geben, auf Basis der axiomatisierenden Philosophie Badious, als „Antwort“ auf die in unserer Zeit, wie Trawny richtig sieht, aufblitzende „weltanschauliche“ Fragestellung, die in sich schon eine Verschleierung darstellt und so erstmal entschlüsselt werden muss.

Anknüpfend an den letzten Teil des Vortrages, in welchem Trawny schließlich die entscheidende Frage aufwirft, ob es denn nicht im Zusammenhang der Katastrophe gerade einer neuen Weltanschauung bedürfe, so ist wieder auf den Punkt zurückzukommen, dass man nicht einfach eine „Weltanschauung“ wählen kann und wählen sollte, sondern eben nach möglichst objektiven Kriterien handeln und entsprechend wählen sollte, was so wenig ideologisch wie möglich ist. Eine Weltanschauung zu wählen, weil alles Weltanschauung ist, wie Heidegger es tat, birgt so wie in der Ära der weimarer Republik in sich intrinsisch die Gefahr eines Trugbilds. Unter der heideggerianisch-trawny-mäßigen Idee der Weltanschauung denkend und entscheidend, wäre es ebenso denkbar, sich eine dieser veralteten marxistischen Gruppen in der Tradition von Stalin, Mao und Trotzki anzuschließen, wie auch den verschiedenen neuen faschistischen und klimaleugnenden Kräften. Das darf aber nicht noch einmal passieren, selbst wenn es auch sein mag, dass man aus versehen die „richtige“, d.i. objektiviste Weltanschauung wählt. Gerade dann aber, wenn diese Willkürlichkeit verworfen wird, wenn man gerade kein Trugbild sucht, wird man sich an den Punkt gedrängt sehen, dass es heute bislang unmöglich ist, der Welt Sinn zu geben oder auch die Seinsfrage „zu beantworten“. Das bedeutet allerdings nicht, und das darf es nicht bedeuten, dass man ähnlich wie Heidegger jene neue, radikale Fraglichkeit unserer Zeit, welche diejenige der Stunde Null nach dem ersten Weltkrieg noch einmal übertrifft und die Trawny durchaus in seinem Vortrag angeschnitten hat, in ein positives Phänomen umgießen und folglich alle Beantwortung der Frage nach dem Schema der maximalisierenden Axiomatisierung, also nach dem Versuch einer maximalen Objektivität abwerten dürfe. Ja, man muss offen sein, darf nicht anfangen zu dogmatisieren, ebenso darf aber auch das Nicht-Dogmatisieren nicht dogmatisiert werden, wie es Heidegger in seiner Seinsfrage tat. Im Angesichts der Klimakrise gilt, dass die Philosophie und die Möglichkeit der Orientierung vorläufig tot bleibt, zumindest solange nicht eine echte Lösung, oder auch mehrere antagonistischen Lösungen aus dem ökozidal-kapitalistischen Abgrund erscheinen. Was übrig bleibt, sind politische Betätigungen, welche versuchen, dieses Unheil abzubremsen die Nachricht zu verbreiten, dass die bürgerliche Welt wieder am Ende ist und wir eine neue Lösung brauchen. Dass man sich hierbei in gewisser Hinsicht als zur Handlung legitimierter „Abbremser“ oder „Aufhalter“ des Untergangs der Zivilisation versteht, sollte nicht irritieren, das haben die antifaschistischen Kräfte während der Weimarer Republik auch zu recht und auf wissenschaftlichen Gründen aufbauend angenommen. Das „Aufhalten der Apokalypse“ ist als Denkfigur nicht falsch, wenn sie auf wissenschaftlichen Grundlagen und auf objektiven Werten wie Gleichheit und Demokratie beruht; nur die dahinter liegende lächerliche bis peinliche Rhetorik sollte man meiden – zumeist wird sie aber ohnehhin von denen verwendet, welche sich ähnlich wie Trawny skeptisch und relatividerend gegen diesen Versuch der Sorge um das Gemeinwohl wenden. Wenn klar ist, wie die Lage ausssieht und worauf alles zusteuert, natürlich im Bewusstsein davon, dass wissenschaftliche Thesen auch entkräftet werden können, dass Strategien scheitern können, sind auch Diskussionen und Streitereien eher unproduktiv. Malm geht recht wenn er sagt, dass wir heute nicht in einem Zeitalter der Theorie, sondern des Aktivismus leben,23 es ist aber (noch) ein Aktivismus ohne echte, sinngebende Orientierung und insofern ohne ein echtes, sei es weltanschauliches oder objektives Weltbild. Es gab schon früher Perioden, welche das allzu fundamentale Fragen verdächtig werden ließen, weil durch die Notlagen die pragmatischen Fragen und Kämpfe viel dringender waren, die heutige Zeit ist es vielleicht mehr als je zuvor.

  1. Politische Bedingung bei Badiou. ↩︎
  2. Benjamin, Pazifismus, suw ↩︎
  3. Dilthey, Weltanschauungslehre. ↩︎
  4. Spengler-Kritik ↩︎
  5. Marxismus bei Heidegger ↩︎
  6. Bürgerlicher Welt in Weimar ↩︎
  7. Phänomenologie des religiösen Lebens ↩︎
  8. Volksparagraph ↩︎
  9. Marcuse, Aufstand ↩︎
  10. Sartre ↩︎
  11. Horkheimer ↩︎
  12. Keine Beweise, Philosophie, BEDINGUNGEN ↩︎
  13. Metaontologisches Axiom, SEIN & ER 1 ↩︎
  14. Metapolitische Axiome ↩︎
  15. Von Neumann-Universum V ↩︎
  16. Althusser und das Setzen ↩︎
  17. Marx und das Ende der Philosophie ↩︎
  18. Malm Progress ↩︎
  19. Malm, Progress of this Storm. ↩︎


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Comments

Eine Antwort zu „Trawny: Die Rückkehr der Weltanschauung und die „Letzte Generation““

  1. […] eher auf sie zuzuführen. Ich möchte hier auch noch auf eine geschwisterliche Schrift zu Peter Trawny verweisen, in welcher ich dessen Ausführungen zur Klimabewegung, die denen von Schönherr-Mann […]

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