Für die Linken oder für alle?

Es ist eine Frage der politischen Bündnisse und des Labelings – sollte sich die ökologische Bewegung oder auch die Identitätspolitik, zuletzt auch die Politik für die Befreiung der Arbeitenden einer explizit linken politischen Idee verschreiben? Oder sollte man nicht umgekehrt ein abstraktes Für Alle als Adressaten annehmen? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Sie entspricht etwa der Auseinandersetuzng zwischen der klassischen Linken und den Ideen von Roger Hallam, dass die Umweltbewegung für alle offen sein sollte, auch für die, die ein bisschen rassistisch sind, wie er sagt.

Aber so glaube ich zu ahnen, diese Frage ist diplomatisch auflösbar. Denn die Linke ist ja gerade die Position, die „für alle“ Partei ergreift, und so ist es selbstverständlich, dass sich ein politischer Prozess gerade dadurch explizit links ist, dass er sich für alle öffnet. Daher konvergiert die zweite Position mit der ersten. Was ist damit aber verbunden, wenn es doch auf dasselbe hinausläuft? Was ist es dann mehr als eine leere Aussage? Es ist zuletzt die Forderung, sich aus dem linken Millieu, ihren traditionellen Zeichen, Symbolen und Grundideen abzulösen, dafür aber unso deutlicher ihre ursprüngliche Ziele zu vertreten. Man könnte sich fragen ob dies nicht auch eine Gefahr ist – ist es nicht gerade besonders „links“ mit Hammer und Sichel herumzulaufen, mit Antifa-Flaggen usw.? Es scheint, das wäre der Fall, de facto ist es dies aber nicht. Diese Symbole sind selbst bereits ein Zeichen der Abgrenzung einer politischen Strömung von der übrigen Gesellschaft geworden, und damit ein Widerspruch zu den linken Idealen selbst. Sie hat sich auch aus der Ächtung ergeben, aus dem Umstand, dass alle die Nase rümpfen und dann manche trotzig oder rebellsich weitermachen. Es ist eine Bunker-Mentalität, eine des überwinternden Rückzugs aus der Gesellschaft, die auch das Scheitern dieser Projekte, gerade am für alle das sie erstrebten, zwar wahrnimmt aber nicht zum Anlass nimmt, sie fallen zu lassen. Man will eine „Zecke“ sein – sicherlich ein schönes sub-kulturelles Statement, aber das hat wenig eigentlich politischen Sinn. Viel sinnvoller wäre es auf neue deutliche Zeichen zu setzen, welche dieses neue für alle verdeutlichen, insofern generische Züge tragen. Ein neues Wort, ein neues Zeichen, welches sich gegen die bisherigen Namen abhebt. Damit entspräche „das“ Linke auch in anderer hinsicht ihrem Begriff, nämlich nicht nur das Für alle sondern das Neue darzustellen. Die Unsichtbarkeit, welche offenbar im Für alle gefordert ist, ist dagegen keine Option. Man sollte also die ganze Bevölkerung repräsentieren – nicht nur irgendwelche linken Intellektuellen, Aktivisten und Szene-Angehörige, sodern gerade die breite Bevölkerung – und sie, vor allem wenn es um Präsentation nach außen geht – durch diese Zeichen ausweisen. Dies kann eine Flagge oder ein auffälliges Kleidungsstück sein, an denke an die Gelbweste.

Dasselbe gilt auch für das Vokabular der Linken, insbesondere das marxistische. Es ist richtig, dass die marxistische Strömung wahrscheinlich die wirkmächtigste des 21. Jahrunderts war. Sie enthält am deutlichsten die angreicherte Erfahrung, wenn sie auch deutlich vor sich selbst und ihren Gegnern scheiterte, und es ist auch klar, dass man von ihren Begriffen am meisten lernen kann, natürlich aber auch, wie es nicht funktioniert, also eine Art Steinbruch des politischen emanzipativen Denkens von einem insgesamt gescheiterten Projekt, ein Steinbruch natürlich neben anderen (man denke etwa an die Deep Ecology Tradition, die Postmodernen, die kritische Theorie, die Phänomenologie). Aber die Tatsache, dass sie nicht nur eine wissenschaftliche und politische Funktion haben – also als Zeichen für (äußere) Dinge fungieren, sondern auch eine kulturelle und gruppenspezifische Funktion haben, ja mit fürchterlichen, tyrannischen politischen Systemen assoziiert werden, die diese Ausdrücke erheblich missbraucht haben (so ähnlich wie die Kreuzzüge, der europäische Kolonialismus, die Inquisition das Christentum missbraucht haben), sollte man dafür sensibilisieren, dass sie diesen gesellschaftlichen Abgrenzungeffekt nicht weniger hervorrufen können, als eine klassische linke Klamotte oder ein Soziolekt. Hinzu kommt, dass ihre Begriffe durch massive Propaganda effektiv in den Dreck gezogen worden sind, eine Propaganda, welche sogar bis in die Linken selbst hinein fortgegangen ist. Heute denkt man beim Wort „Kommunismus“ ernsthaft an Nordkorea, der befreiende Aspekt muss dieser Sache, die für immer fortbestehen wird, muss ihr erst unter historischen Sedimenten abgerungen werden. Das heißt, dass für die richtige Argumentation diese Ursprünge, zusammen mit der historischen Genese und Rezeption, der vielen Verständnisse und Missverständnisse für alle offengelegt werden sollten – niemand darf in die Irre geführt werden, dass aber zugleich für das erste Auftreten diese Begriffe zu meiden sind. Die Steine, die aus der Ruine gebrochen werden, müssen nicht das alte Gepräge haben. Man muss diese Begriffe zwar vor der rechten Propaganda und dem Realsozialismus retten, es geht nicht darum sie aufzugeben, aber man darf auch nicht einen Fetischismus der Zeiten mit ihrer alten Fassade pflegen. Zwischen einem wahrnehmbaren Ausdruck und einem Begriff besteht ein erheblicher Widerspruch. Hinzu kommt, dass der Marximus auch, wie oben ausgedrückt, in seinen ursprünglichen Absichten scheiterte, und insofern dieses Lehrgebäude auch tatsächlich, nicht nur in den Ausdrücken verlassen werden muss, eine zu museale Pflege dieser Steine könnte fälschlich den Eindruck erwecken, man habe es mit einem Gebäude zu tun, dass ebenfalls einstürzen wird, dabei sich ganz neue Steine hinzugekommen, die sich zu einer ganz neuen Architektur fügen.


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